Alte Werte und sich was herausnehmen

Liebe S.,
das ist ein altes Wort: sich etwas herausnehmen, das klingt bei näherem drüber nachdenken wie „stehlen“.
Da steht was rum in einem verschlossenen Behälter und ich nehme mir da einfach was heraus.
Früher wurde mir gesagt, wenn ich mich daneben benahm:Was nimmst du dir eigentlich heraus? Hat das einen Zusammenhang? Nehme ich mir das Recht heraus, aus dieser verschlossenen Kiste der Werte, und mach das so wie ich will? Sage ich, mit dem von mir einfach herausgenommenen Recht, was ich will?

Ich kenn das Problem mit den Überstunden aufschreiben, allerdings wird bei uns echt hart kontrolliert, soviel ich weiss, da muss ne Begründung her und wenn das zu oft passiert, dann wird gefragt: Warum eigentlich immer bei dir? Soviel dazu.

Ich weiss nicht, was mit der heutigen Zeit los ist, oder seh ich das bloss so, weil ich älter geworden bin, im Laufe der Jahre, unausweichlich? In meiner Familie herrschte als oberstes Gebot: Ehrlich währt am längsten, niemand wird von uns beschissen, selbst wenn es der Arbeitgeber ist. Und Schulden machen wir auch NIEMALS! Und betrügen tun wir nicht!
So. An das meiste hab ich mich gehalten im Leben, immer ehrlich ist, glaub ich, niemand. Aber es gibt Regeln und Werte und an die möchte ich mich halten.
Manchmal frag ich mich dann: tu das nur ich? Oder bin ich schon so eine alte biestige Krake, die da genau drauf achtet, das alles eingehalten wird?
Heute , Autostrasse, wieder mal, kurzes Stück Landstrasse bis zur nächsten Ortschaft, etwa 2 km, muss ich da auf 170 kmh beschleunigen? Schon gar nicht mit meiner alten Cheese. (oder schreibt man das Chaise?). Ich zuckel also mit 100 da einher, und sehe, wie ein orangefarbener Ohadi, Capriolet, anprescht und echt knapp hinter mir aufdrängelt. Ortschaftsschild kommt, ich bremse, ich weiss nämlich, was das kostet, wenn ich zu schnell da durch bretter. Der orange Ohadi drängelt weiter auf, ich bin versucht, noch langsamer zu fahren, es ist acht Uhr, Kinder wollen zur Schule in dem Ort, is besser, langsamer zu fahren, oder? Da setzt der zum Überholen an. Und überholt. Ich krieg dann immer so einen Hals, und ich seh, da ist ein junges Mädchen drin. Warum steht da jetzt kein Blitzer? Oder ein parkendes Auto auf der Gegenfahrbahn?
Warum  muss sie das machen? Der Ort ist kurz, auch bloss 2 km, (Die war ortsansässig, die Madame )ist das so schlimm, hinter jemandem herzufahren in der ANGEGEBENEN Geschwindigkeit?  Es war rücksichtslos und gefährlich, find ich.
Sie hat sich das herausgenommen, aus der Kiste der Regeln, diese Geschwindigkeitsvorgabe zu brechen und andere zu gefährden.
Und jetzt kommt noch ein altertümliches Wort: das war eine BODENLOSE FRECHHEIT!
Regeln sind zum Brechen da, aber nur, wenn sie niemanden gefährden.

Jetzt geschrieben, morgen online, wenn ich übern Kanal geflogen bin, zu der liebsten Englischen Freundin, und morgen bin ich vielleicht in Glastonbury und suche deinen Mondkalender, den ich dir dann mitbringe, den gibts da , so wie du willst, garantiert!
See you,…. K.

 

Advertisements

Stresslevel gering halten, wie geht das?

Liebe S.,

du hast Recht, sich etwas anzueignen ,  etwas neues lernen, das ist leicht.
Aber alte Muster abzuwerfen, Verhalten ändern, das, was man 30 Jahre so getan hat, überdenken, reflektieren,…
„War denn alles schlecht, was wir schon immer so gemacht haben?“, hat mich  eine Kollegin gefragt, als ich vorgeschlagen habe,  etwas mal anders zu machen.
Und ich merke leider auch diesen Unmut, neu zu lernen. Die Frage kommt dann: Warum tust du dir das an? Das nützt doch eh nichts! Und dann womöglich noch in der Freizeit! Oder auf eigene Kosten! Niemals würden sie das tun.

Ich hab es aber getan und du tust es auch. Und mich hat es weitergebracht, ich kann das Erlernte im Berufsalltag nicht immer anbringen, aber manchmal doch, und dann bin ich froh, weil das Lernen mich gelehrt hat, anders mit vielem umzugehen.

Zum Beispiel „Mobilisieren eines Patienten“. Nicht das ich da perfekt drin bin. Aber ich kann ihm(dem Patienten) sagen, was ich vorhabe und was er zur Unterstützung tun kann.
Gestern zum Beispiel hab ich eine Patientin mobilisiert, ihr Ehemann wollte sie (schwerkrank, Tumore, halbseitengelähmt, so alt wie wir) nach draussen bringen lassen, weil „sie hat doch immer so viel geraucht . Das tut ihr bestimmt gut, frische Luft !“
Mein erster Gedanke: Die hatte gerade LUFTNOT! Sie benötigt Sauerstoff, sie kann da doch nicht raus zum Rauchen!
Gab bissl Diskussion, der Arzt hat die Ausfahrt befürwortet und meine Bedingung war: Sie mobilisiert sich weitgehend selber und wird nicht mit so einem Rollbrett wie am Vortag in einen Lehnstuhl gefrachtet,mit Hauruck und Gezerre und Geziehe und Spannungsblasen am Ende, wegen dem Rutschen. Und Kreuzweh der Schwestern, weil das immer anstrengt.
Okay, ich hab ihr gesagt, was ich wie mit ihr vorhabe, sie fing an mir zu vertrauen und siehe da, sie konnte mich beim Umsetzen von Bett in Stuhl sehr gut unterstützen. Ich hab zwar gekeucht hinterher, und sie hat gefragt, ob es mir gutgeht und ich hab gegrinst, und gesagt, klar, Sie haben gut mitgemacht.
Dann wollte sie den ekligen Gulasch nicht essen und ihr Mann hat geredet und an sie hingeredet, sie muss doch essen…… , sie muss doch was essen….
Hab ich gesagt, gehen Sie ins Cafe, und lassen Sie sie ein Eis oder ne Wurst mit Pommes essen, was sie will…
Als ich Feierabend hatte ,waren sie immer noch nicht zurück, und ich hab gedacht: huuh, hoffentlich ist alles gut. Und als ich heimgeh, sitzen beide im Cafe und sie hat eine leere Schale vor sich und sagt zu mir: Ich hab so einen Rieseneisbecher gegessen! Wollen Sie auch einen ? Ich lad sie ein.

Was ich damit sagen will: Dank meines Kurses letztes Jahr weiss ich, das unkonventionell sein auch in der Pflege Platz hat. Das es nötig ist-ich hätte streiten können mit dem Ehemann, dass hätte mich auf meiner Stressskala bestimmt an die 10 gebracht. So aber hab ich ihr auch ein Stück abgegeben, indem ich von ihr etwas erwarte. Und ich hab zwar gekeucht, aber es hat nicht angestrengt. Und sie dann so fröhlich und aufrecht im Cafe sitzen zu sehen, das war toll.

Gerade diskutieren und lamentieren verbraucht so viel Kraft, es ist einfacher, ganz pragmatisch Lösungen zu finden, die für BEIDE Seiten okay sind. Oder sich aus diesen Situationen rauszunehmen.

Ich schreibe jetzt klug, gell? Ich bin es nicht immer, aber ich kann manche Dinge, ent-stressen, indem sie nicht mehr so wichtig sind. Es gibt andere Wege die man einschlagen kann.
Wir versuchen es! Alles kann, nichts muss!
Schönen Tag Dir! Kat.

Quecksilber , zum dritten

Liebe S.,

jetzt  kommt das, was ich eigentlich über Quecksilber schreiben wollte!
Erinnerst du dich, während der Ausbildung, wenn ein Quecksilberthermometer zerbrach, wie wir mit einer Spritze auf dem Boden rumkrochen und das Quecksilber reingesaugt haben?

Wenn so ein Thermometer zerbrach, dann zerflog das Quecksilber erst in hunderte winzige Kugeln, die , wenn man sie zusammenschob, eine grosse Kugel wurden. Es gehörte Geschick (welches man ja eigentlich nicht hatte, sonst wäre das Thermometer heil geblieben) dazu, die Kugeln mit einem Papier zusammen zu fügen, und dann, wenn sie ein grosser Batzen wurden, mit einer 5 ml Spritze aufzusaugen und in den Giftmüll zu schmeissen. Ohne Mundschutz und Handschuhe, Hauptsache, der Patient starb nicht an Quecksilbervergiftung!
Und ich lebe auch noch, denn ich hab sehr sehr oft Thermometer zerdeppert und die giftigen Gase eingeatmet.
Glück gehabt, jawoll!
Jetzt gibts ja elektrische Thermometer. Das macht diesen Beruf längst nicht mehr so spannend!
Haha! Kein Schwermetallbelastetes Mercurochrom, was einem mehr über die Finger läuft beim Verbandswechsel, kein Quecksilber mehr einatmen, sich nicht mehr am Aufrollen dutzender elastischer Binden die Handgelenke ruinieren….

Früher war einfach mehr Herausforderung, grins…

Kat., der Dinosaurier unter den Krankenschwestern 😉

Liebe Kat.,

ach danke, mir reichts auch heutzutage an Herausforderungen.. die Patienten werden immer dicker und älter.. gerade gestern hat sich einer mit ca 100kg den Kopf aufgeschlagen ziemlich fies.. weil er probieren wollte, ob er nicht doch laufen kann.. was er nicht konnte..

Anstatt Quecksilber aufzusammeln, dürfen wir heute putzen.. z.b. das blutverschmierte Bad, weil die Putzfrau alleine für den OP, Kreisssaal usw zuständig war.. 😦 

Bei uns sind die Dinosaurier Krankenschwestern bald ausgestorben… bzw. sie werden krank oder berufsunfähig. Wer diese Arbeit in unserem Alter noch macht ist verrückt oder halt selber Schuld…. ich für meinen Teil plane aktiv die Flucht .

S.

Von Zahnärzten-Quecksilber die zweite

Ach, liebe S.,

man ist so abhängig von dem was die Mediziner tun, seufz,… wissen wir ja aus eigener (beruflicher) Erfahrung.

Ich hatte vor 25 Jahren gesundheisbewusste, grosszügige Schwiegereltern, die darauf bestanden, das ich die Amalgamfüllungen rausmachen liess- und Keramik musste ich reintun lassen.
Es war so teuer!
Ich dachte, als ich fertig war, den Mund voller Porzellan, ich hätte einen Kleinwagen im Mund. Was ist, wenn ich beim Rausgehen aus der Praxis von einem Auto umgefahren werde, und alles ist kaputt? Das war zu teuer! So waren meine Gedanken damals.
Es hält immer noch! Das meiste jedenfalls, und ich hab noch keine Zahnprothese, wie mein Kinderzahnarzt mir das damals , als ich 12 Jahre alt prophezeit hatte.
„Wenn du weiter so schlecht deine Zähne putzt und soviel Süssigkeiten isst, dann  hast du mit 30 Jahren ein Gebiss!!“ hat er mir gedroht. Und meine Zähne ohne Betäubung mit Amalgam gefüllt, sodas ich elektrische Stromstösse gekriegt hab, wenn ich auf Alufolie biss.
Kennst du dieses Gefühl? Grässlich, wenn es blitzt im Mund.

In der Praxis dieses Zahnarztes stand im Wartezimmer ein Aschenbecher, der war hüfthoch, ein richtiger AschenbecherStänder, und wenn man auf den Griff in der Mitte drückte, dann drehte sich der Deckel, damit die Zigarette wie in einem Karrussell durch die Fliehkraft im Inneren verschwindet. Diesen Mechanismus gibt es ja heute noch, aber hüfthoch hab ich so ein Ding nirgends mehr gefunden. Und was ich bis heute nicht verstehe, es waren abgerauchte Kippen drin, und es roch nach kalter Asche.
Während wir im Wartezimmer hockten, durfte ich mich nicht erwischen lassen, wenn ich den Griff reingedrückt hab, denn meine Mutter fand es eklig und ich spannend.
Das hat mich immerhin von dieser Zahnarztangst abgelenkt.

Ach, ja und seine Prophezeihungen bezüglich Gebiss mit 30 haben sich nicht bewahrheitet.

Und jetzt hab ich einen Zahnarzt,der zwar sehr viel redet, aber nicht nur IN den Mund guckt, sondern mich ganz anschaut. Als ich mal bei ihm war, weil ich Kieferschmerzen hatte, schaute er mich an und sagte: „Ihnen geht es nicht gut. Was macht Sie so traurig?“ Natürlich gingen meine Schleusen auf und ich heulte und er hörte zu, und dann verschrieb er mir eine Zahnschiene, und immer wenn ich jetzt zu ihm komme, erzählt er was vom ganzen Menschen und das der Kiefer in der Gesamtheit, was Verspannungen, Kopfschmerzen und sonstiges betrifft, unterschätzt wird.
Toll, jetzt hab ich über Zahnärzte geschrieben! Ich wollte über Quecksilber schreiben, denn dazu fiel mir spontan was ein. Das mach ich dann morgen. 🙂

Und ja, in deinem Brief klang ein bisschen durch, das du es bereust, 3 Jahre in dieser kleinen Stadt gelebt zu haben. Oder lieg ich falsch? Ich dachte nur, dass ich es schön fand, dass du dort wohntest, denn so konnte ich dich besuchen, wenn ich meinen GrösstLiebstenSohn, der dort studierte,  besucht habe, und du hast den GrösstLiebstenSohn manchmal gesehen und mir erzählt, wie er so war, auf seinem Skateboard, mit seiner Gitarre in der Hand, oder auf seinem bunten Fahrrad, das er von deinem „Mitbewohner“ bekommen hatte.
Da war so eine Verbindung, die ich schön fand.

Jetzt ist der Sohn wieder in meiner Nähe, und du in deiner Lieblingsstadt.
So geht die Zeit dahin….mit und ohne Quecksilber.
Vermisse dich.
Kat.

*Für uns alle*

Liebe K.,

und ganz besonders für Dich !

Lakshmi , die für Schönheit und Fülle steht.

Bussi, und vergiss solche Kackbratzen. Die schlimmen Wörter dazu habe ich dir ja alle bereits gesagt :-). Familie und andere Ungeheur stehen einem einfach zu Nahe.. Deren wertende Kommentare treffen immer, weil man meistens ungeschützt ist. Sich sicher fühlt im familärem Rahmen..Zwischen- alles an sich heranlassen- und -alles abprallen lassen -ist ein weites Feld und viel Platz. Berührbar sein finde ich persönlich besser, als das Gegenteil. Nur die Verletzungen, die da manchmal draus resultieren können, die braucht niemand.

Was ist mit diesem Bruchteil von einer Sekunde ; wo wir noch entscheiden können ob es und wirklich trifft, oder nicht ?

Ich wünsche uns allen einen wunderbaren Tag

S.

Vom Befreien

Liebe S.!
(Und  liebe Leserinnen, die ihr so viel Anteil an Hildes Geschichte nehmt.)
Schön wäre es, wenn Hilde auf dem Campingplatz am Atlantik einen Job in der Rezeption gefunden hätte, der Campingplatzbesitzer hätte sich in Hilde verliebt und sie hätte auf ewig täglich Spaziergänge am Strand machen können. Aber Hilde wollte ja heim.
Vielleicht nicht unbedingt zu ihrem Herbert, aber sie hat ja 2 Enkelkinder, die sie liebt und eine Tochter, die meistens ja auch nett ist und die sie ebenfalls liebt. Seine Kinder liebt man einfach, egal wie ekelhaft die ihre Mutter auch manchmal behandeln.
Hilde fuhr also wieder nach A. zurück, ihre Siebensachen passten in eine kleine Sporttasche, in den Ohren hatte sie immer noch das Rauschen des Meeres und um den Hals trug sie eine Muschel, die sie am letzten Tag gefunden hatte. Die Muschel hat ein Loch an ihrer engsten Stelle, und Hilde hat sie aufgefädelt auf ein dünnes Lederband, das sie im Souvenirschop gekauft hatte. Sie fühlte sich ein bisschen wie ein Hippie. Als sie am Abend in A. zu ihrem Haus kam, war alles dunkel, die Vorhänge zugezogen, das Wasser abgestellt, und nirgendwo ein Herbert zu finden. Ein klein bisschen schlechtes Gewissen hatte Hilde, weil sie erleichtert darüber war. Sie inspizierte  den Kleiderschrank, ein paar Kleidungsstücke von Herbert fehlten, also war er nicht gestorben, sondern vielleicht auch verreist, dachte sie.
Sie schlief gut in dieser Nacht.
Am nächsten Morgen fuhr Hilde zu ihrer Tochter.Sie klingelte , ein wenig zaghaft, an der Haustür. Die Tochter öffnete und als sie Hilde erkannte , brach sie in Tränen aus.
„Mama, ich bin so sauer gewesen erst auf dich und dann hatte ich Angst, das dir was passiert ist, aber auf den Kontoauszügen hab ich gesehen, dass du Geld abgehoben hast und wo du bist, aber warum bist du weggegangen , es war schrecklich, Papa war furchtbar, ach Mama, ich bin so froh ,dass du wieder da bist!“
„Schschsch, „, machte Hilde, “ jetzt bin ich ja wieder da. Und wo ist Papa?“. Da guckte die Tochter zornig. „Papa“, schnaubte sie, “ den hab ich in Kurzzeitpflege gesteckt, der Pflegedienst kam dreimal täglich und dreimal täglich hat er den Schwestern in den Hintern gekniffen und da haben die ihm kurzerhand den Vertrag gekündigt. Einmal am Tage sei tolerierbar, hat die Pflegedienstleitung gesagt, aber dreimal am Tag sei zuviel. Aber ich finde auch einmal am Tag ist zuviel, und dann hat er mit mir nur rumgenörgelt und gemeckert und da hab ich verstanden, warum du weggegangen bist, Mama!“
In Hilde machte sich ein zufriedenes Gefühl breit. „Mich hat er zuletzt vor 25 Jahren in den Po gekniffen, aber schön fand ich das auch nicht“,  sagte sie.

Heute hab ich Hilde im Zoo wieder getroffen, nicht bei den Waranen, sondern bei den Kattas.20160621_131318 20160621_131555Kattas sind kleine Baumaffen, mit langen Schwänzen, die im Zoo in A. ein Freigehege haben und weil es Menschen gibt, die sie am Schwanz ziehen oder mit Steinen versucht haben, sie von den Bäumen zu holen, hat der Zoo Mitarbeiter gesucht, die die Besucher und die Affen im Blick haben, die Türen zum Freigehege öffnen, und aufpassen, dass die Kattas nicht gefüttert werden.
Hier arbeitet Hilde 4 mal in der Woche. Sie liebt es, die Menschen zu beobachten und die Kinder , die über die Sprungkünste der kleinen Affen staunen, sie liebt es zu beobachten, wie die Affen miteinander umgehen.Keiner von ihnen ist alleine, diese Affen kuscheln gemeinsam und springen gemeinsam.
Manchmal kommt ihre Tochter mit den Enkeln vorbei. Die schlingen dann ihre runden Ärmchen um Hildes Nacken und schnaufen ihr in die Haare, dann ist Hilde glücklich. Herbert ist von der Kurzzeitpflege direkt in ein Pflegeheim gegangen, Hildes Schwiegersohn hat das Haus verkauft und Hilde lebt in einer kleinen Gartenwohnung nicht weit vom Zoo. 4 mal in der Woche besucht sie Herbert, sie erzählt ihm von ihrer Arbeit, sie schauen alte Fotos an oder sie fährt ihn im Park spazieren.
Gestern hat ein Zoobesucher, der regelmässig kommt, Hilde gefragt, ob sie mit ihm nächste Woche zum Tanztee gehen möchte. Hilde hat an ihre Muschelkette gefasst, kurz überlegt, und lächelnd gesagt:  Tanzen-ja, das  wäre mal wieder schön.

Kat.

Sommerlaune-Sommerblues

Meine liebe Freundin S. wie Sommerlaune!
Tolles Foto in deinem letzten Beitrag. Ist das aus eurem Urlaub?
Und ja, bitte antworte auf meinen letzten  Beitrag, der hat so viele Reaktionen hervorgerufen, gute tolle inspirierende Kommentare, dass ich heute meine eigene Einstellung zu diesem Thema überdacht habe. Eben fällt mir die erste Zeile zu einem Gedicht ein, dass ich mit 16 geschrieben hab: Der Tod ist kein wilder Knochenmann, nur für die , die das Leben lieben……ach je, was war ich da aber dunkelmütig drauf!
Und deshalb war der Kommentar von Ulli so toll, dass der Tod eine Todin ist, eine zahnlose Schwarze. Warum nicht eine Frau? Warum nicht eine Art Mutter, die mich dann aufnimmt? Mir fällt dazu das Bild der BabaYaga ein, so wie es in den Märchenbüchern dargestellt wurde, die mir meine Oma aus der DDR geschickt hat: Russische Märchen.
Die BabaYaga, die in ihrem Häuschen aus Hühnerknöchelchen sitzt und sich dreht und mal sieht der Ankommende Suchende im Fenster des Häuschens das Gesicht der jungen Frau, und mal das der Alten. Als meine SchönsteTochter geboren war, lag ich im Halbschlaf, erschöpft nach der Geburt und sah SIE(Die Göttin?Die MUTTER? Die BabaYaga?). Ihr altes zahnloses fast hässliches Gesicht, dann das Gesicht der liebevollen warmen Mutter und dann als junge neugierige Frau. Ich erinnere mich, daß ich dachte: Die Reihe wird fortgesetzt. Ich bin eine Tochter meiner Mutter, eine MutterTochter, die jetzt eine TochterMutter ist.
Klingt etwas wirr vielleicht. Aber, da ich ja quasi leiblich-mutterlos aufgewachsen bin, war das für mich ein Zeichen,dass nichts verloren ist. Dass die Reihe sich fortsetzt. Das sie nicht aufhört, die Liebe.

So. Das war jetzt mein Sommerblues.
Jetzt zur Sommerlaune: Es finden überall Feste statt. Strassenfeste, Altstadtfeste, Mittelalterfeste, Karneval der Kulturen, das Hohe Friedensfest. Lebensfeste. Da feier ich dann mal mit.

Bis bald , liebe Freundin, und lass dich nicht ärgern von Putzlumpen, Dübeln, Schrauben und Farbeimern. Wenn dein  Umzug geschafft ist, komm ich dich besuchen!
Deine K.

Vom Weggehen

Liebe S.,

heute morgen las ich eine schöne Geschichte von Arabella, übers Weggehen. In den Kommentaren tauchte die Frage auf, warum in den Geschichten meist die Männer weggehen. Frauen scheinen zu bleiben, ausser bei Thelma und Louise, aber die mussten notgedrungen weg, wegen Gewalt.

Irgendwie beschäftigte mich das heute, die Sache mit dem Weggehen.

Ich war heute im Tierpark, mit einer Freundin. Menschen und Tiere beobachten. Wenn ich Zeit habe und Muße, liebe ich es, Menschen zu beobachten. Mütter mit ihren Kindern, Paare, frisch verliebt, der halbwüchsige Sohn führt den kleinen Hund an der Leine, sichtlich genervt von der Mutter und ihrem neuen Freund. Ein einsamer Mann geht vor uns. Am Hyänengehege fängt er an zu heulen. Die Tiere antworten ihm.

Im Terrarium dann eine Familie, bestehend aus einem älteren Mann im Rollstuhl, seiner Ehefrau und deren Tochter. Diese schob einen Zwillingskinderwagen. In dem Kinderwagen lagen zwei Buben, vielleicht 2 Jahre alt, schlafend. Es war warm im Terrarium. Die Frau des Mannes im Rollstuhl,  die Grossmutter der Zwillingsjungen, ich nenne sie Hilde, ist begeistert von den Waranen und Schlangen. „Schau!“, sagt Hilde zu ihrer Tochter,“ da oben auf den Ästen sitzen sie, die Baumpythons, sie sind gut getarnt, fast hätten wir sie nicht entdeckt, siehst du sie?Sie kringeln sich zusammen!“ Die Tochter guckt genervt. „Ich geh raus, den Kindern ist es zu heiss hier“, sagt sie.“Aber die schlafen doch“, sagt Hilde. „Nee“, ranzt die Tochter,, „ich geh raus, ich hasse diese Viecher“. „Oh“, macht Hilde.Sie wendet sich an den Mann im Rollstuhl. „Komm, Herbert,“, sagt sie, “ lass uns die Warane angucken, ich zeig dir, wo du sie am besten sehen kannst.“ Herbert rollt zu ihr und betrachtet brav die Warane. Hilde ist begeistert, und erklärt, wo die Warane leben und wo der Smaragdwaran zu sehen ist, dass das Männchen eine Krone hat, und dass der Steppenwaran da ganz versteckt unter dem Stein zu finden ist“Schau, Herbert!“.
….Ehrlich? Ohne Hilde hätte ich gedacht, das Terrarium sei leer.

Was aber macht Herbert? Herbert schimpft: „So langweilige Tiere, ich fahre auch raus“ und düst ab.Hilde ruft: „Warte, ich mach dir die Tür auf!“

Was aber wäre, wenn Hilde denkt: Was sind das für Pfeifen? Warum sehen die nicht, was mir wichtig ist? Warum hat von dieser lieben Familie keiner den Nerv, mir zu Liebe mal ein paar Minuten mit den Waranen zu verbringen?

Hilde hält Herbert nicht die Tür auf. Hilde wartet, bis er draussen ist, dann geht sie hocherhobenen Kopfes aus der Terrariumtür, an Herbert und der Tochter mit den schlafenden Zwillingen vorbei, nickt ihnen kurz zu, lächelt, und spaziert schnurstracks auf den Zooausgang zu.

Auf der anderen Strassenseite wartet der Bus zum Bahnhof . Welch ein Glück, denkt Hilde, denn sonst hätte ich es mir vielleicht anders überlegt.Sie steigt ein und zahlt ihr Ticket. Kurz überlegt sie, was sie jetzt mit dem Haustürschlüssel macht, aber die Tochter hat einen Ersatzschlüssel und sie sind sowieso mit dem Auto der Tochter gekommen.Am nächsten Morgen kommt der Pflegedienst zu Herbert, sie wird dort kurz anrufen und sagen, dass der Herbert in Zukunft auch Mittags und Abends einen Besuch braucht, zum Essen machen und ins Bett bringen.
Hilde wird jetzt zum Bahnhof fahren und in einen Zug steigen.
Kurz überlegt sie, zum Flughafen zu fahren, die Warane leben auch in Indonesien, da wollte sie schon lange mal hin. Aber da bräuchte sie einen Impfpass, und welche Sprache sprechen sie da? Das ist ihr jetzt zu kompliziert. Also wo will Hilde hin?
Als sie am Bahnhof ankommt, steht an Gleis 6 der Schnellzug nach Paris.Am Abend wäre sie in Paris, da war sie noch nie. Sie versteht zwar auch kein französisch, aber Paris, das wäre schön, denkt Hilde.
Sie bezahlt mit ihrer EC-Karte das Ticket. Das macht sie selten, denn Herbert möchte immer, dass sie bar bezahlt, dann hat er besser Kontrolle über ihre Ausgaben, sagt er. Herbert… kurz hat sie ein schlechtes Gewissen, aber nur ganz kurz. Der Pflegedienst ist gut, Herbert schäkert immer den jungen Pflegerinnen, da kann er sich jetzt austoben , denkt sie.

Und steigt in den Zug nach Paris.

Paris wäre schön, oder?

Liebe Grüsse Kat.

Turnunterricht

Liebe S.,

Purzelbäume am Strand, schöne Vorstellung.
Ich erinnere mich dabei an meinen Gymnastikunterricht, den ich neben der Schule am Nachmittag als Kind machen musste. Frau v. d. W., die Turnlehrerin war sehr streng, und ich war so unglaublich untalentiert.(In ihren Augen) Bei der Rolle rückwärts geriet ich immer schief.  Ich rollte nie gerade ab.
Dann mussten wir mit Anlauf übers Pferd springen, ich allerdings blieb immer darauf sitzen.
Am Barren hatte ich nie genug Kraft in den Armen, ich bleib wie ein nasser Sack hängen. Manchmal mussten wir eine Brücke machen, man liegt auf dem Rücken , beugt die Arme nach hinten und biegt den Bauch nach oben. Frau v.d.W. kam zu mir, zog an meinen Schultern, ich hörte es innerlich krachen in meinen Wirbeln, und sie schimpfte: „So geht das , du Steifbock!“
Ich glaube, sie hat auch meinen Eltern erzählt, wie steif und untalentiert ich im Turnen sei.Und gerade deshalb musste ich dahingehen. Damit ich es lerne. Das schlimme war, alle fanden sie nett, meine Schwester fand sie toll, die Frau v.d.W., meine Mutter ging voller Freude mehrmals die Woche zu ihr in ihre Frauengymnastik, nur ich, ich hatte manchmal fast Angst, zum Turnen zu gehen. Was waren das für Methoden? Zu Schimpfen, zu Zwingen, zu Beleidigen?
Ich hab den Schwebebalken geliebt- da fühlte ich mich elegant und zartfüssig, und fiel nie hinunter. An den Ringen mochte ich schwingen, immer höher und fühlte mich da so leicht. Aber ich musste das üben ,was ich nicht konnte. Und immer noch nicht kann. Rolle Rückwärts!
Rolle vorwärts, das geht. Das kann ich. Immer noch.Ein Rad schlagen, auch das wurde nie ein gerades Rad, aber das machte ich draussen auf der Wiese, wenn der Sommer leuchtete, meine Tante mir vom Balkon Pfirsichstückchen in Filtertütenpapier eingewickelt hinunter warf, dann konnte ich das. Dann konnte ich laufen, springen, Rolle vorwärts 4 oder 5 mal hintereinander, dann konnte ich über Hindernisse hüpfen, dann konnte ich mich drehen, dann, wenn niemand sagen würde: Steifbock, du….
Diese 70er Jahre, irgendwie waren die schon sehr autoritär.Und nicht kindgerecht. Ausser meiner lieben Tante, die Beifall klatschte und sich gefreut hat über mein schiefe Rolle rückwärts.

Roll du deine Rollen am Strand! Ich seh ihn förmlich stieben und stauben, den Sand! Umarmung…
K., heute sehr melancholisch

 

Was mir zu grau einfällt

„Ein freundliches Steingrau“ (Loriot: Ödipussi)

Dr. K: „… Und Herr Blöhmann, Ihre Lieblingsfarbe?“
Hr. Blöhmann: „Grau … aber nicht so grau … mehr grüngrau … ins Bräunliche. Eine Art Braungrau … mit Grün … ein Braungrüngrau …“
Dr. K: (notiert) „Braungrüngrau …“
Hr. Blöhmann: „Es schadet auch nichts, wenn es ein bißchen ins Bläuliche hinüberspielt, Hauptsache, es ist grau …“
Dr. K: (notierend) „Danke…“
Hr. Blöhmann: „… Braungrau …“
Dr. K: „Vielen Dank, Herr Blöhmann …“
Hr. Blöhmann: „Etwas Rot könnte auch anklingen …“
Dr. K: „Das genügt, Herr Blöhmann!“
Hr. Blöhmann: „Ein Braunrot … im ganzen Grau …“
Dr. K: „Jaja …“
Hr. Blöhmann: „Also ein grünlich-blaues … Rot-braun-Grau“

und wenn ich mir vorstelle , dass wir beide aaaaaalt und grau sind… dann sind wir nicht grau sondern weisshaarig mit Silberfäden und tragen halblange oder lange Haare. Aber ganz bestimmt keinen praktischen Kurzhaarschnitt 🙂 ..und  wir sind braungebrannt wie alte Indianerinnen und sitzen irgendwo in einem Garten und fertigen craft jewels an.. kichern und gackern und murmeln vor uns hin…

Hier regent es heute alles grau in grau… mit Abstufungen

Viel Spasz heute !

S.