Vom Befreien

Liebe S.!
(Und  liebe Leserinnen, die ihr so viel Anteil an Hildes Geschichte nehmt.)
Schön wäre es, wenn Hilde auf dem Campingplatz am Atlantik einen Job in der Rezeption gefunden hätte, der Campingplatzbesitzer hätte sich in Hilde verliebt und sie hätte auf ewig täglich Spaziergänge am Strand machen können. Aber Hilde wollte ja heim.
Vielleicht nicht unbedingt zu ihrem Herbert, aber sie hat ja 2 Enkelkinder, die sie liebt und eine Tochter, die meistens ja auch nett ist und die sie ebenfalls liebt. Seine Kinder liebt man einfach, egal wie ekelhaft die ihre Mutter auch manchmal behandeln.
Hilde fuhr also wieder nach A. zurück, ihre Siebensachen passten in eine kleine Sporttasche, in den Ohren hatte sie immer noch das Rauschen des Meeres und um den Hals trug sie eine Muschel, die sie am letzten Tag gefunden hatte. Die Muschel hat ein Loch an ihrer engsten Stelle, und Hilde hat sie aufgefädelt auf ein dünnes Lederband, das sie im Souvenirschop gekauft hatte. Sie fühlte sich ein bisschen wie ein Hippie. Als sie am Abend in A. zu ihrem Haus kam, war alles dunkel, die Vorhänge zugezogen, das Wasser abgestellt, und nirgendwo ein Herbert zu finden. Ein klein bisschen schlechtes Gewissen hatte Hilde, weil sie erleichtert darüber war. Sie inspizierte  den Kleiderschrank, ein paar Kleidungsstücke von Herbert fehlten, also war er nicht gestorben, sondern vielleicht auch verreist, dachte sie.
Sie schlief gut in dieser Nacht.
Am nächsten Morgen fuhr Hilde zu ihrer Tochter.Sie klingelte , ein wenig zaghaft, an der Haustür. Die Tochter öffnete und als sie Hilde erkannte , brach sie in Tränen aus.
„Mama, ich bin so sauer gewesen erst auf dich und dann hatte ich Angst, das dir was passiert ist, aber auf den Kontoauszügen hab ich gesehen, dass du Geld abgehoben hast und wo du bist, aber warum bist du weggegangen , es war schrecklich, Papa war furchtbar, ach Mama, ich bin so froh ,dass du wieder da bist!“
„Schschsch, „, machte Hilde, “ jetzt bin ich ja wieder da. Und wo ist Papa?“. Da guckte die Tochter zornig. „Papa“, schnaubte sie, “ den hab ich in Kurzzeitpflege gesteckt, der Pflegedienst kam dreimal täglich und dreimal täglich hat er den Schwestern in den Hintern gekniffen und da haben die ihm kurzerhand den Vertrag gekündigt. Einmal am Tage sei tolerierbar, hat die Pflegedienstleitung gesagt, aber dreimal am Tag sei zuviel. Aber ich finde auch einmal am Tag ist zuviel, und dann hat er mit mir nur rumgenörgelt und gemeckert und da hab ich verstanden, warum du weggegangen bist, Mama!“
In Hilde machte sich ein zufriedenes Gefühl breit. „Mich hat er zuletzt vor 25 Jahren in den Po gekniffen, aber schön fand ich das auch nicht“,  sagte sie.

Heute hab ich Hilde im Zoo wieder getroffen, nicht bei den Waranen, sondern bei den Kattas.20160621_131318 20160621_131555Kattas sind kleine Baumaffen, mit langen Schwänzen, die im Zoo in A. ein Freigehege haben und weil es Menschen gibt, die sie am Schwanz ziehen oder mit Steinen versucht haben, sie von den Bäumen zu holen, hat der Zoo Mitarbeiter gesucht, die die Besucher und die Affen im Blick haben, die Türen zum Freigehege öffnen, und aufpassen, dass die Kattas nicht gefüttert werden.
Hier arbeitet Hilde 4 mal in der Woche. Sie liebt es, die Menschen zu beobachten und die Kinder , die über die Sprungkünste der kleinen Affen staunen, sie liebt es zu beobachten, wie die Affen miteinander umgehen.Keiner von ihnen ist alleine, diese Affen kuscheln gemeinsam und springen gemeinsam.
Manchmal kommt ihre Tochter mit den Enkeln vorbei. Die schlingen dann ihre runden Ärmchen um Hildes Nacken und schnaufen ihr in die Haare, dann ist Hilde glücklich. Herbert ist von der Kurzzeitpflege direkt in ein Pflegeheim gegangen, Hildes Schwiegersohn hat das Haus verkauft und Hilde lebt in einer kleinen Gartenwohnung nicht weit vom Zoo. 4 mal in der Woche besucht sie Herbert, sie erzählt ihm von ihrer Arbeit, sie schauen alte Fotos an oder sie fährt ihn im Park spazieren.
Gestern hat ein Zoobesucher, der regelmässig kommt, Hilde gefragt, ob sie mit ihm nächste Woche zum Tanztee gehen möchte. Hilde hat an ihre Muschelkette gefasst, kurz überlegt, und lächelnd gesagt:  Tanzen-ja, das  wäre mal wieder schön.

Kat.

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6 Kommentare

  1. kinder unlimited · Juli 11, 2016

    was für eine wundervolle Befreiung!!!

    Gefällt 3 Personen

  2. Flowermaid · Juli 11, 2016

    … was für ein schöner Anfang für das Ende einer Geschichte… 😉

    Gefällt 2 Personen

  3. Vetch · Juli 11, 2016

    Ich hab feuchte Augen und Gänsehaut. Hatte ich beim ersten Teil auch, wie ich mich erinnere.

    Was ne schöne Geschichte – wenn sie das verfilmen, solln sie’s gut machen!

    Gefällt 2 Personen

  4. Ulli · Juli 11, 2016

    ich freue mich sehr für Hilde!

    Gefällt 2 Personen

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