Von der eigenen Timeline

Liebe S.,

ich hab überlegt, ob das Thema, über das ich jetzt schrieben will, im Sommer überhaupt angesagt ist, eigentlich ist es ja ein Novemberthema. Es geht ums Sterben. Meine Facharbeit für den Palliativkurs ist fertig, und meine SchönsteTochter hat mir den Schlusssatz gegeben: Sterben und Tod ist immer noch nicht Teil unserer Gesellschaft. Vorgestern haben wir uns darüber unterhalten. Sehr interessante Thesen hat meine Lieblingssoziologin SchönsteTochter. Sie sagt zum Beispiel, das andere Kulturkreise viel selbstverständlicher mit dem Tod umgehen. In anderen Kulturen wird der Tod zelebriert, es gibt Klageweiber, es wird gerufen und laut geweint. Bei uns steht eine leise Todesanzeige in der Zeitung, auf Beerdigungen ist man bedrückt, erschrocken über sein eigenes mögliches Ende.
Woran liegt das?
Die SchönsteTochter sagte: Weil uns die Spiritualität fehlt, die Hoffnung, die Vorstellung, dass nach dem Tod etwas weiter geht.
Früher glaubte man an eine Belohnung. „Den Seligen ist das Himmelreich“.Oder?Sagt man so? Früher, als die Lebensumstände schlecht waren, als Krieg , Not und Hunger herrschten, da brauchten die Menschen Hoffnung, einen Glauben an das danach, damit sie das alles überstehen konnten, das Leben. Heute , wo es uns gut geht, wo wir keinen Hunger haben und kein Krieg am Horizont aufzieht, und wenn,dann betrifft der uns nicht, heute haben wir keinen wirklichen Bezug zum Sterben. Da erschrickt er uns, weil es jemanden in der Nachbarschaft traf, und kurz befassen wir uns damit selber, mit unserer eigenen Endlichkeit, aber nur kurz.
Früher hatte ich keine Angst. Da war ich mir sicher, das die , die gestorben sind, nicht weg sind.Früher dachte ich, wenn ich tot bin, dann bin ich ein Lichtfunkeln in einem nie-endenden Feuerwerk.
Jetzt fürchte ich mich davor. Ich möchte noch lange leben.Möchte niemals aufhören, den Tag zu begrüssen, meineSchönsteTochter in den Arm zu nehmen, meinem JüngstLiebstenSohn die Haare zu verwuscheln, möchte singen mit dem GrösstLiebstenSohn, möchte noch tanzen und reisen und leben.

Dann kam mir noch etwas in den Sinn: Dass wir älter werden, dass wir, die schon älter geworden sind, oft hadern mit dem Alter , und nicht akzeptieren wollen, das das Fleisch faltig wird, die Augen schwächer, die Spannung nachlässt und die Gelenkigkeit, können wir es nicht akzeptieren, weil da der Tod um die Ecke guckt? Und uns angrinst, und sagt: „Naaaa?Nimmer lang, gell“, und in hässliches Gelächter ausbricht?
Letzte Woche fand ich in einer Zeitschrift ein Bild von Madonna, sie ist 57 , wenn ich nicht irre, und dieses Bild mit der Kleidung, die sie da trug, war einfach nur scheusslich. 20160621_103600

Ich hab es gesehen und gedacht: warum macht sie das? Verleugnet sie ihr Älterwerden? Darf eine Frau so rumlaufen? (Klar, dachte ich dann, soll sie, wenn es ihr gefällt,aber ich finde es nicht hübsch.) Sicher kann man darüber diskutieren. Egal. Diese ganzen Promis in fortgeschrittenerem Alter betreiben Körperkult und stählen ihre Straffheit.

EmmaNormalFrau hat für sowas keine Zeit.EmmaNormalFrau muss akzeptieren , das sie nicht mehr knackig ist,  selbst wenn sie immer noch in die Klamotten ihrer pubertierenden Tochter passt. Wenn man sie von hinten sieht, dann kann man vielleicht denken :Wow! Wenn sie sich umdreht, sieht man ihr Alter. Von hinten Lyzeum, von vorne Museum, hat mal jemand gesagt.

Zu sich stehen, sich seiner Timeline bewusst sein, wie mein Lieblingsitaliener gerade sagt, das ist eine Kunst. Sich mögen mit all den Falten und den einfach nicht verschwinden-wollenden Speckrollen, so sehr frau sich auch anstrengt, die bleiben einfach da! Der eigenen Vergänglichkeit ins Auge blicken, seine eigene Spirtualität finden, seine eigenen Hoffnungen finden und  Möglichkeiten, und wenn der Tod dann mal wieder um die Ecke luurt und grinst und fies kichert, dann mach ich ihm ne lange Nase! Dann mach ich einen Purzelbaum und tanz ihm davon.

Nicht wahr? Das machen wir! Und fürchten ihn nicht.

Grüsse Kat.

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28 Kommentare

  1. kinder unlimited · Juni 26, 2016

    Erst einmal Madonna ist Show Business und sie lebt eh in einer Traumwelt und ist inzwischen die Karrikatur ihres eigenen Ichs geworden. Meryl Streep ist da ganz anders. Und zum Thema Sterben….viele Menschen begreifen nicht, dass man genauso wie man in das Leben hineingeboren wird auch wieder langsam herauswaechst. Die Indianer feiern Freudentaenze.wir sinieren, ob es ueberhaupt etwas danach gibt…ich versuche jeden Tag so zu leben, dass ich abends zufrieden bin und nicht das Gefuehl habe, jemals etwas verpasst zu haben…..man weiss ja nie….

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    • kat+susann · Juni 26, 2016

      Ich versuche niemals jemanden in unfrieden zu verlassen
      Also immer in Frieden aus dem Haus zu gehen
      Nichts ist schlimmer für mich,mir vorzustellen, es passiert was und ich hab keinen Frieden gemacht. Ja,und Meryl Streep fiel mir nicht ein. Die geht stolz und schön mit ihrem Alter um. Grüße Kat.🌹

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      • kinder unlimited · Juni 26, 2016

        So geht es mir auch..💫allerliebste Gruesse, Ann und danke fuer den nachdenklich machenden Beitrag!

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    • Flowermaid · Juni 26, 2016

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  2. Belana Hermine · Juni 26, 2016

    Aber letztlich kommen doch alle dahinter, dass es am Akzeptieren kein Vorbei gibt.

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  3. Ulli · Juni 26, 2016

    Liebe Kat, ich finde nicht, dass es ein Novemberthema ist, gestorben wird in jeder Jahreszeit, das zuerst … ich freue mich, dass du nun deine Arbeit abgeschlossen hast und über den Schlusssatz deiner Tochter.

    Im letzten Jahr hatte ich kurz vor meinem 59. Geburtstag ein Krankheitserlebnis, das mich fast ein Jahr lang Runde und Runde mit der zahnlosen Schwarzen drehen liess. Ich glaube, dass das wichtig ist, dass man lernt ihr oder ihm, je nachdem wie wir Tod definieren, bei mir ist es eben die zahnlose Schwarze, in Gesicht zu schauen und lernt mit ihr zu tanzen. Einfach war das nicht, aber nun ist der 60igste Geburtstag vorbei, ich bin all dem näher gekommen, konnte eine Haltung entwickeln und nun lebe ich noch lustig und froh, wie der Mops im Haferstroh, bis sie mich dann wirklich holt. So ist wenigstens gerade mein Gefühl. Nur umdrehen und ihr eine lange Nase zu drehen behagt mir nicht wirklich, das hört sich wie weitere Verdrängung an.

    Ach … und Madonna … war sie je schön? ich mochte ihre Inszenierungen von sich selbst eigentlich nie, nur das eine und andere Lied, aber mir ist das auch wurscht, sollen doch alle machen, wie sie es brauchen (in dem Fall).
    Herzliche Sonntagabendgrüsse
    Ulli

    Gefällt 4 Personen

    • kat+susann · Juni 26, 2016

      Das ist ein schönes Bild :mit der Vergänglichkeit zu tanzen. Und immer wieder ins Gesicht schauen. Das muss ich ja beruflich sowieso. Aber manchmal macht das Angst. Und manchmal ist es auch zu präsent. Aber da könnte ich ständig drüber schreiben. Liebe Grüße Kat.

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      • Ulli · Juni 27, 2016

        Das ist genau was ich meine, dass es auch Angst macht und von daher können wir gar nicht genug uns mit diesem Thema auseinadersetzen- ich will jetzt nicht behaupten, dass ich absolut angstfrei wäre, aber diese einjährige tiefe Auseinandersetzunh hat auf jeden Fall die Spitze genommen.

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  4. Flowermaid · Juni 26, 2016

    … es geht nicht darum was die Magzine bewerben, es geht darum wo das Ich Frieden findet…

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  5. 365tageimleben · Juni 26, 2016

    Ich sage mir immer, mein Leben ist meine Ewigkeit. Denn wenn ich tot bin, werde ich es entweder doch nicht sein oder aber nicht wissen, dass ich es bin.
    Liebe Grüße

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  6. Arabella · Juni 26, 2016

    Es ist nicht schlimm, nicht mehr knackig zu sein.
    Wenn dein Mann so alt ist wie du, beißt er sich sonst die Zähne aus;-) .
    Lass nicht zu, dass die Gesellschaft den Tod verdrängt, nimm ihn in deine Mitte.
    Dein Artikel ist sehr gut.

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  7. lnmyschkin · Juni 27, 2016

    Danke für den Artikel.
    Ein wichtiges Thema. Wir haben meinen Opa und meine Oma begleitet beim sterben. Ich war in der Nacht dabei in der mein Opa gestorben ist. Ich fühle mich seltsam geehrt dadurch.
    Ich habe keine Angst vor dem Tod. Meißtens. Aber auch ich kenne die Nächte in der der Tod mich angrinst und ich mich fürchte. Dann erinnere ich mich wie der Tod in meiner Lieblingscomicserie ist. Ein freundliches Gothicmädchen das einfach seinen Job macht. Du hast deine Zeit. Du bekommst das was alle bekommen: Ein Leben. Das tröstet mich dann.

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    • kat+susann · Juni 27, 2016

      Das hast du wunderbar gesagt. Ja,dabei sein dürfen wenn jemand geht, ist eine „Ehre“. Kommt mir auch so vor. Das ist ein ganz intimer besonderer Moment. Und das Bewusstsein, oder die Hoffnung, das danach etwas anderes kommt,nimmt die Angst. Liebe Grüße an Dich!Kat.

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  8. luzieke · Juni 27, 2016

    Mich ängstigt nicht der Gedanke das ich mal Tot sein werde, mich macht das Leben verlassen,das sterben Angst, das sich verabschieden müssen von meine Lieben, das wissen das sie eine schwierige Zeit durchleben müssen, one mich.(Hach, ich glaube immer noch ich wäre unentbehrlich).Wenn ich tot bin bekomme ich nichts mehr mit, ich glaube nicht an irgendwelche Orte oder Seelen die rumfliegen.

    Als Krankenschwester habe ich viele Menschen auf verschiedene Weisen sterben gesehen, das schlimmste war wenn Menschen alleine sind dabei…………….beim sterben.
    (Irgendwie hat das jetzt auch gar nix mit deinen Blog zu tun.)
    Wenn man lebt muss man sich nicht tagtäglich mit den Tod befassen.

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    • kat+susann · Juni 27, 2016

      Doch, natürlich hat dein Kommentar was mit dem Blog zu tun.und in unserem Beruf erleben

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      • kat+susann · Juni 27, 2016

        Erleben wir ja soviel verschiedene Arten des Sterbens. Plötzlich aus dem Leben gerissen, nach einer
        langen Krankheit. Allein oder mit verzweifelten Angehörigen. Dass macht nachdenklich und mir macht es Angst. Das wie manchmal. Wenn ich weg bin, bin ich weg. Aber wenn wer stirbt den ich liebe… Dann ist meine Trauer egoistisch. Denn wer weiß wie es dem Gestorbenen geht?ICH möchte ihn nicht missen. Tja…. Nachdenklich liebe Grüße Kat.

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      • kat+susann · Juni 27, 2016

        Erleben wir ja soviel verschiedene Arten des Sterbens. Plötzlich aus dem Leben gerissen, nach einer
        langen Krankheit. Allein oder mit verzweifelten Angehörigen. Dass macht nachdenklich und mir macht es Angst. Das wie manchmal. Wenn ich weg bin, bin ich weg. Aber wenn wer stirbt den ich liebe… Dann ist meine Trauer egoistisch. Denn wer weiß wie es dem Gestorbenen geht?ICH möchte ihn nicht missen. Tja…. Nachdenklich liebe Grüße Kat.

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      • luzieke · Juni 27, 2016

        Ja, für der der zurückbleibt ist es schlimm, er bleibt mit seine trauer und erinnerungen zurück, aber für ein sterbender ist es auch schlimm wenn man ihn nicht gehen lassen kann, will.

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      • kat+susann · Juni 27, 2016

        Das auch. 🌹

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  9. Pingback: Sommerlaune-Sommerblues | Gezeitenwechsel
  10. Taste · Juni 28, 2016

    ach… schön geschrieben. es ist genauso wie du schreibst… ein gedanken-chaos, kein umgehen mit dem tod in unserer gesellschaft, wie oft schon habe ich die gläubigen beneidet… ich würde auch gerne wissen, dass es meinen geliebten toten freunden gut geht… nein, besser! jetzt, wo sie tot sind… aber ich glaube nicht und sie taten es auch nicht. UND sie wären gerne noch geblieben. und so bleiben wir immer mehr alleine im alter und lernen so vielleicht jede sekunde dieses seltsamen lebens zu genießen…

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  11. barbarabosshard · Juli 18, 2016

    liebe kat – beim blättern durch die vergangenheit bin ich nachträglich noch auf deinen eindrücklichen text gestossen und die intensive, anregende beteiligung der blog-gemeinde. endlichkeit / vergänglichkeit, ein thema, das wohl niemand verdrängen kann. denn das ende rückt unweigerlich näher. doch es bleibt zeit, sich damit auseinanderzusetzen. und dies bringt einem tiefe und auch weite. lieber gruss. barbara

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