Weiterpaddeln, weiterlernen, weiterdenken, yeah!

Doch noch nicht in SommerUrlaubsPause!

Liebe S., ich hab mich für ein Webinar angemeldet.
Was ist das, dachte ich. Da kriegt man vielleicht Vorträge , die man lesen muss….?
Naja, heute hab ich mich mal dran gesetzt, ich hab erst nicht kapiert, wie das funktioniert. Es sind schon Vorträge, aber die muss ich nicht lesen, diese Vorträge wurden bereits gehalten und somit mir vorgelesen,  und ich kriege die Präsentation auf mein Laptop.

Thema: Webinar zur pflegerischen Versorgung geflüchteter Menschen.

Erster Beitrag: Traumata.
Ich bin so berührt, S., dieser Psychologe hat so super gesprochen, und ich bin entsetzt darüber, wie wenig  wir die Seele dieser Menschen erkennen wollen, wie leichtfertig wir sie abkanzeln in ihrem Verhalten und in ihrem Rückzug, und wie wenig wir bereit sind, da mal hinzugucken, und zu spüren, was vielleicht passiert sein könnte mit ihnen.
Denn sprechen tun die wenigsten darüber.

„They did things to me, i can`t talk about“   Lieblingssyrer, 2013.

Und S., ich mach jetzt zwar meine Onkologie Fachweiterbildung, aber das heisst nicht, das ich nicht auch noch dazu lernen kann, wie man mit Menschen, die NICHT OHNE GRUND herkommen, auch im Krankenhaus mit Wertschätzung umgehen sollte.
Es gab nämlich auch im Klinikalltag der letzten Jahre immer wieder Situationen, gegenüber Geflüchteten, die ich nicht gut fand, und bei denen ich das Bedürfnis hatte, meinen Kollegen klar zu machen, was überhaupt los ist, und mit diesem Webinar krieg ich wieder bisschen mehr Wissen, und Wissen ist Werkzeug und Macht. Gell?
Bin ganz Feuer und Flamme!
Und morgen ist dann endgültig Abflug, yeah!

Kat.
Dieses Webinar ist auch vielleicht für Nichtpflegende interessant.Zum besseren Verständnis.

 

Fremde Gärten

Liebe S.,

ich bin geradelt heute früh. Weil mir nämlich der JüngstLiebsteSohn, der SportAdditum macht in der Schule, erklärt hat, dass es nichts bringt, wenn man nur Krafttraining macht, sondern Ausdauertraining sei wichtig.  Besonders mit zunehmendem Alter, wenn die Pfunde purzeln sollen.
Und so gehe ich seit 3 Wochen im Fitnesstudio eisern auf den Crosstrainer, und zwar 40 Minuten, Herzfrequenz 140, schnaufschnaufschwitz…. und mach dann ein wenig Muskelstärkung. Oder, wenn es die Zeit erlaubt, fahre ich mit dem Radel zu meinem Nebenjob. Dank meiner Supercoolen Fahrrad- App weiss ich jetzt auch , wieviel Kilometer es sind (6,9 einfach), welche Steigung (121 meter) wieviel Zeit (Hinweg 32 Minuten weil Steigung hinauf, Rückweg 21 Minuten weil Steigung hinab) und wieviel Kalorien ich dabei verbrauche (egal!).

Es ist ein wunderschöner Weg dorthin, durch die Dörfer, über die Wiesen, an einem Bächlein entlang. Ich schaue beim Fahrradfahren in die Gärten. Wie verschieden Gärten sein können!

Manche sind sehr klar und strukturiert, mit weissen Kieseln ausgelegt, schnurgerade Wege, ein einsamer Buddha auf einer Betonplatte.
Andere zeigen, dass sie vor Jahren mit Planung angelegt wurden, mittlerweile verwildern und verwuchern sie. Vermooste Betontreppen, überwachsene Gartenwege. In einem steht ein Pavillon, erinnert an eine Weinlaube aus den 70er Jahren, der Garten ist winzig, aber die Weinlaube findet ihren Platz.

Dann gibt es die Gärten der neugebauten Häuser, mit niegelnagelneuen Schaukeln drin, und Sandmuscheln. Für die neue junge Familie.

Ich male mir dann aus, wer wohl in den Häusern zu diesen Gärten wohnt, was sind das für Menschen und welche Geschichten haben sie?
Im Moment blüht so viel, es wuchert, ich liebe die Kletterosen an den Mauern der alten Häuser, ich liebe den Phlox, der in den alten Gärten überbordend blüht.
Nach 8 Jahren in Schwaben hab ich bereits Erinnerungen an Häuser, die einst an Stellen standen, zu denen ich fuhr im Pflegedienst, und die alten Leute versorgte, die dort drin wohnten, mit Holzofen und fliessend kalt Wasser.

Diese Häuser mussten neuen weichen, mit eben  kleinen Gärten aus geraden Steinplatten und mit Metallzäunen.
Schade, denk ich dann, und denk an den alten Mann, der mit 86 sein Holz zum Heizen reinschleppte trotz wehem Fuss und dessen Sprache ich kaum verstand, weil er ein Hiesiger war, und ich nicht, aber gelacht miteinander haben wir trotzdem.

Was für schweifende Gedanken!

Ich radel weiter durch die Gärten, denn auf dem Crosstrainer denk ich nicht so schöne Gedanken!

Liebe Grüsse

Kat.

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Europa

Liebe S.,
das Beitragsbild ist von Sonntag, als es noch echt widerliches Wetter war. In Augsburg war Europatag, auf dem Rathausplatz standen viele Leute rum und machten Werbung für Europa. Ein Chor sang europäische Nationalhymnen, allerdings weiss ich nicht, warum mich bei sowas immer gruselt. Und gleichzeitg `ne Gänsehaut an mir runterschauert, huuuu….

Ein Wohlbeleibter Mann trug ein blaues Tshirt, über seinem Bauch prangten in gelber Schrift die Worte: „Ich bin Europa, Baby!“
Naja, dachte ich, dich hätte Zeus nicht ergriffen und woanders abgesetzt um einen Kontinent zu benennen!

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„Vertragen durch Verträge“, hmm, das ist auch ne komische Losung, oder?

Ich habe mich danach aber vorbildlich europäisch verhalten.
Ich hab meine Mentee getroffen( im Rahmen eines tollen Projekts, man hilft Menschen mit Einwanderungshintergrund oder Fluchtgrund, im Deutschen Arbeitsmarkt Fuss zu fassen.)
Ich betreue eine rumänische Krankenschwester, die so alt ist wie meine SchönsteTochter, und meine Aufgabe ist es im Moment, ihr zu sagen, das sie sich was zutrauen kann, weil sie super Deutsch spricht, und mit ihr Pflegezeitschriften zu lesen und über den Alltag in deutschen Kliniken zu sprechen. Denn ihre Anerkennung läuft noch, und ohne Anerkennung kein qualifizierter Berufseinstieg.
Auch das ist Europa!
Jetzt widme ich mich meiner Anerkennung, das bedeutet ich lerne jetzt! In zwei Wochen ist Prüfung! Und ich werde ein gutes Ergebnis vorweisen ! Yepp!

Liebe Grüsse Kat.
Ach ja, und morgen ist Internationaler Tag der Pflege! Ich bin dabei! ❤

Seifenblasen auf der B17

Liebe S.,

Kennst du das, wenn du am liebsten das Radio aus dem Auto werfen möchtest? Warum gibt es auf meinem Alltagssender, der anspringt, wenn ich ins Auto steige, immer Gekreische und Gejauchze : aaaaaahh, ich fass es nicht, wie geil ist das denn oh mein gott oh  mein gott oh mein gott…..
Und das immer mit einer verzerrten Telefonstimme. Es müssen unglaublich viele Gewinnspiele ablaufen, morgens werden dann werden die Leute aus dem Schlaf geweckt, es wird ihnen verkündet, dass sie ein Wochenende mit Ed Sheeran gewonnen haben, oder eine Reise zum nächsten Fussballspiel, oder 33333 Cent, und dann kreischen und quietschen sie und ich .. ?
Ich bin neidisch. Ich hätte auch gerne ein Wochenende mit Ed Sheeran, das wäre schön, seufz, mit 33333 Cent auf einem Fussballplatz meiner Wahl.

Was hilft gegen das Gekreische ? Radio aus machen, im Stau stehen, selber vor mich hin summen, und erstaunt sehen, das an meinem Autofenster Seifenblasen vorbeifliegen.

Das war heute ein Erlebnis der besonderen Art.
Seifenblasen auf der B17.
Vor meinem Autofenster.

 

Grüsse Kat.

 

Brief an meinen Onkel Willi

Liebe S.,
das ist ein Brief im Brief. Ich habe mich gestern auf den Weg gemacht, wieder ein bisschen Familiengeschichte rauszukriegen, was ganz oft in gelöster Traurigkeit endet. Und mich dann mit denen, die DA sind, zusammenbringt. Meine Cousine, meine Schwester,… wir tauschen uns dann gemeinsam aus.

Und was mir noch dazu einfällt:In einem der letzteren Beiträge
schrieb ich: Es muss doch mal gut sein. Und ich dachte auch immer : Kriegsgräberfürsorge, müssen wir uns denn ständig erinnern? Meine SchönsteTochter, die Friedens-und Konfliktforscherin, sagte mir:“Es ist erst gut, wenn das Unrecht benannt wird.Dann kann Vergebung erfolgen. “
Ja, und ich bin froh, dass es die Kriegsgräberfürsorge immer noch gibt, denn sonst hätte ich einen Teil meiner Geschichte nicht gefunden.

Liebe Grüsse an dich…, arbeitest du wieder?

Ich hab ein faules verregnetes ForscherWochenende vor mir.
Deine Kat.

**************

Lieber Onkel Willi,

ich kenne dich nicht. Als ich geboren wurde, warst du ein stiller Teil meiner Familiengeschichte. Wenn über dich gesprochen wurde, dann voller Traurigkeit, und die einzigen Informationen, die ich hatte, waren: 

Gefallen im Krieg, auf einem Soldatenfriedhof in Trier beigesetzt, das was von dir übrig war.
Du warst das drittälteste gemeinsame Kind meiner Grosseltern, von insgesamt 8 lebenden, und einem Sohn, den die Grossmutter mit in die Ehe brachte.
Als der Krieg begann, lieber Onkel Willi, warst du 14. Dann irgendwann bist du zu den Fallschirmjägern gegangen, und wurdest im Dezember 1944 an der Westfront abgeschossen.Du warst 19.
Ich hab oft an dich gedacht, denn ich hab die Trauer meines Vaters , dessen  Bruder du warst, immer irgendwie gespürt. Als ich klein war, hat mein Vater eine Reise nach Trier unternommen, um dein Grab zu besuchen.

Weisst du wie diese Soldatenfriedhöfe aussehen? Da steht ein Kreuz neben dem  andern, ohne Namen, unzählige Kreuze, in der Mitte des Friedhofes steht manchmal eine Statue oder ein Gedenkstein, in den sind Namen eingraviert, Namen derer, denen man gedenkt.
Als Kind bin ich manchmal auf den Soldatenfriedhof meiner Heimatstadt gegangen, ich hab die Namen gelesen, und gehofft, deinen darauf zu finden, um meinem Vater sagen zu können: Du musst deinen Bruder nicht suchen, der ist hier, bei uns.

Aber es waren zu viele Namen.
Dann irgendwann, fuhr mein Vater nach Trier.Als er zurückkam, hat er gesagt: „Ich hab sein Grab nicht gefunden. Da sind so viele Namenlose Gräber.“
Du warst also immer noch verloren.
Gestern kam mir der Einfall,  einen Ausflug zu planen, nach Trier. Trier soll eine schöne Stadt sein und ich hab Lust auf eine Reise. Ich hab also SoldatenFriedhof Trier gesuchmaschint, es standen dort unglaublich viele Namen, aber deiner war nicht darunter.
Ich war traurig, ich dachte, wo ist er denn dann? Ich hab weiter gesucht, deinen Namen eingegeben, Willi S. gefallen, Wilhelm S., gefallen, es kamen Seiten mit so vielen vielen Wilhelm S., alle gefallen, aber wieder warst du da nicht drunter, dein Geburtsort stimmte nicht  mit einem der anderen überein.
Irgendwann stiess ich auf die Seite der „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ . Dort gab es eine Suchmaske, ich gab deinen Namen ein. Wieder nichts. Dann erinnerte ich mich, das dein jüngerer Bruder R. vor vielen Jahren einen Familienstammbaum erstellt hat. Dort war dein Geburtsdatum vermerkt. Und anhand dieser Daten fand ich dich. Ich fand deinen Namen, den Ort, wo du liegst, und eine kleine berührende Geschichte zu dir.(Hier ist es). Ich war traurig und froh zugleich. Ich hab dich gefunden. Ich weiss jetzt, wo du abgeblieben bist.
Du warst so jung, du warst 19, du hattest die Rechnung eines Anzuges, den du dir gekauft hattest, in der Tasche, deshalb wussten die, die dich fanden, wer du bist. Sie konnten deinen Namen auf dein Grab schreiben.
Du bist nicht einfach so verscharrt,du bist nicht in einem Namenlosen Grab verschwunden, du hast deinen Namen behalten, ich kann dort hinfahren, ich kann dort eine Blume niederlegen.

Meine Schwester hat eine Kopie der Traueranzeige vor ein paar Tagen angeschaut.
Zufall, das wir beide uns fast zeitgleich an dich erinnert haben? Du weisst, sie wohnt
800 km von mir weg, und wir haben selten mal über dich gesprochen. Auf der Anzeige steht, das viele um dich getrauert haben, lieber Onkel Willi, und vergessen bist du nicht.

Deine Nichte K.

 

 

 

 

 

 

Maria Knotenlöserin

Liebe S.,
diese Maria Knotenlöserin ist wohl eine spezielle Augsburger Mariengestalt.
Ich mach mir ja immer meine ganz  eigenen Gedanken zu diesen Heiligen SymbolFiguren, und bei Maria Knotenlöserin dachte ich beim ersten mal hören: Die löst diese Knoten auf, die wir in uns haben, denn in jedem von uns stecken Knoten, in der Seele oder in den Muskeln, oder im Herzen. (Wer  genaues wissen will, kann hier nachlesen).
Ich hab übrigens wieder etwas Neues über dich erfahren. Mit katholisch und so, das ist fein!
Mir ging es nämlich ähnlich, mit diesem evangelischen Glauben, dem ich auch angehöre, ich dachte früher, die Katholen, die haben es besser, die haben erst mal einige Feiertage mehr, und ausserdem haben sie die Maria in ihrem blauen Mantel und mit ihrer Umarmung.
Als ich dann in Bayern lebte und meine Kinder katholisch getauft wurden, bin ich zwangsläufig in die katholischen Gottesdienste gegangen, und ich sag dir, ich fühlte mich dort geborgen. Es gab diese Rituale, es gab diese Verse, die man spricht, es gab das wunderbare Osterfeuer, es gab die Speisenweihe an Ostern,… Später erst bemerkte ich, dass es hauptsächlich am Pfarrer lag, dass die Gemeinde, in der meine Kinder gross wurden, so aufgeschlossen und nach vorne gerichtet war. Nachdem ich nämlich umgezogen war, fand ich nie wieder diesen Anschluss an eine solche Gemeinde. Wenn meine evangelischen Eltern kamen, um bei Taufe oder Kommunion dabei zu sein, sagte meine Mutter immer, ich sei katholischer als der Papst, weil ich immer so voller Eifer und tiefem Glauben dabei war.

Wo ist der jetzt, mein Glauben? Vielleicht gibt es für Glauben und Religion eine Zeit im Leben und dann sucht man wieder was anderes? Oder findet es? Mir hat der Pfarrer damals sehr geholfen, in meiner schwärzesten Zeit, der , als ich zu ihm kam, mir zuhörte,  mich fragte, ob ich ein Ritual wolle, dieses Ritual ausführte, und mich getröstet entliess. Das kann Religion, das kann Glaube. Es ist sicher die Frage, ob wir Kirche oder Priester dazu brauchen, oder ob wir das auch aus uns  heraus schaffen, Rituale zu finden, die uns stärken und trösten.
Ich bin immer noch auf der Suche. Ich habe meine Göttinenbilder um mich herum aufgehängt, ich hab ein winzig kleines Triptichon vor mir stehen, ich bin vieles , ich glaube an vieles und manchmal an nichts.Ich höre in den Raunächten Wotans  Wilde Horden durch die Nacht reiten und fühle mich zu Hause. Ich gehe in die Krypta des Augsburger Domes und fühle mich geborgen. Ich schaue in den Himmel oder umarme Bäume und fühle mich dem Sein so nahe.
Das ist meine ganz eigene persönliche Freiheit des Glaubens.
Das ist mein Privileg. Dafür bin ich dankbar.

Schlaf gut mit Marias Segen. Umarmung. Kat.

Alltagsfreuden/Altersfreuden- versöhnt mit der Fremde

Liebe S., Du gehst einen Tanzkurs machen? Toll!

Tanzen war ich gestern auch.Ich schrieb es bereits, Arabischer Tanz trifft Bayrisches Schuhplattln.

Es war toll, ich hab erkannt, im Grunde sind Volkstänze sich sehr ähnlich:
einfache Schritte und gemeinsames Tanzen.
Manchmal tanzen die Männer  gemeinsam , manchmal die Frauen gemeinsam, und manchmal alle zusammen.
Es waren viele Leute da, arabische Familien mit ihren Kindern, deutsche Ehepaare,fröhliche Studenten, junge Leute,die ihre Heimat im Arabischen Halbmond haben (hab ich auch gestern gelernt, das ist Syrien, der Libanon, Palästina), ältere Frauen (ooohh, bin ich böse ,wenn die mich an die Figur der Heike Broscher in „Willkommen bei den Hartmanns erinnert haben?).
Egal, es war ein wunderbarer Abend, und die Tanzvorführungen waren super. Und dann mussten wir alle selber tanzen. Ein Bayrischer Volkstanzlehrer hat vorgemacht und wir mussten mittanzen.

Früher waren für mich diese Brauchttumstänze immer so patriotisch, so muffig, ich hab das in einem der Heimatbeiträge bereits geschrieben.
Aber gestern hat es gepasst. Der Tanzlehrer war nicht muffig, sondern fröhlich, aufgeschlossen, lebendig. Die Musikanten hatten Spass daran, ihre „Musi zu spuin“.Nix „oans zwoa gsuffa“, sondern „eins zwei drei holladirei holladiho holladihei..“.oder so, das mussten wir beim Tanzen singen.
Zwischendrin tanzten wir Dabke, wir fassten uns an die Hände, standen im Kreis und dann bewegten wir die Füsse nach einer bestimmten Art, aber das war schwierig, denn die Schritte sind ein bisschen kompliziert, also gingen wir im Takt der Musik miteinander im Rund. Die , die Dabke tanzen können, gingen in den Kreis und wirbelten ihre Füsse, sie juchzten, fast wie die Bayern,die jodeln beim Tanzen, und schwangen und wurden schneller und …Schön war es!

Ich hätte an diesem Abend gerne mein Dirndl getragen(ich passe aber nicht mehr rein, seufz, das Alter- in dem Fall keine Freude).

Ich bin versöhnt mit dem Bayrischen, hab ich gemerkt. Ich konnte mich da reinfühlen, ich war da drin. Ich war nicht mehr fremd.Vielleicht weil da andere Fremde auch dabei waren? Und wenn alle fremd sind, auch die Einheimischen, ist man sich dann nicht mehr fremd? Gehört man dann dazu, dahin,…?
Wo meine Gedanken beim Schreiben hinkommen, interessant…

Ja, das ist meine heutige AlltagAltersfreude: Ich bin versöhnt. Lang hats gedauert, aber gestern war es so. Ich war nicht mehr fremd. Hier in Bayern. Nach 30 Jahren.
Zeit wirds!

Grüsse in den Norden!

Kat.

 

Heimat?Heimat!

Ja, meine liebe liebe Freundin S.,
dieses unser Thema hat mich echt beflügelt, nachdenklich gemacht, wehmütig gemacht,…hach!
Meine Heimat, (und auch ich hab mehrmals meinen Wohnort gewechselt, und das war gut für mich und öffnete meinen Blick und machte mich lebendiger), meine Heimat ist im Moment hier.  Wo Menschen sind, die mir was bedeuten.Wo die Luft klar ist und ich die Wege kenne.
Und das ist nicht nur hier, das ist überall dort, wo ich jemals war und wo ich mich geborgen gefühlt habe.
Das ist der Dom in Ratzeburg,der Ratzeburger See,  das ist die kleine Strasse in Plau, in der meine Grosseltern gewohnt haben und das Häuschen,in dem meine Tante Waffeln buk für mich, das ist das laute Viertel in München, in dem meine Kinder aufgewachsen sind, das ist die Kirchengemeinde in München, in der ich so geborgen war , das ist der Wald vor meiner Tür, das ist mein Garten, das sind meine Freunde, auf die ich zählen kann(gell?), das sind meine Schwestern, meine Mutter….und das sind meine Kinder und das ist der Mann an meiner Seite und das ist mein  Sofa, das in verschiedenen Wohnungen stand, an das sich meine Erinnerungen knüpfen, das ist – ja…
Heimat sind  Erinnerungen, oder?
Und Liebe. Heimat ist auch Liebe. Da wo ich geliebt werde, bin ich daheim.
Dahoam.

To huus.

Und Schluss.

Kat.

X.“wahre“ Heimat

Tschja.. liebe Freundin..

Hafengeburtstag.. Schlepperballett.. neben den pensionierten Lotsen stehen.. da wo sie schon immer und seit allen Zeiten stehen..

und neben mir steht einer mit klischeemässiger Stinkezigarre… und die Sonne scheint so schön im Abendrot im Mai.. und der neben mir sagt : “ oh neohneone… .. ne watt is datt scheun“.. und die Schlepper schaukeln im Takt einer Walzermelodie.. das ist für mich“mein“  Hamburch.. näh… schon immer und 3 Tage.. ein paar Tränchen gehören dazu.. das Herz geht auf.. Tor zur weiten Welt und so.. und hier bei uns im Hafen tanzen die scheinbar schwerfälligen, Elefanten genannten Schlepper und drehen sich und schaukeln, dass der Hafen kocht..

und wenn dann einen Tag später die Wilhelmine den Auszug der Schiffe aus dem Hafen begleitet… wenn sie und nur wenn sie vorranschwimmt .. dann ist es das schönste vonne weite Wält ;in dem Moment.❤️

Und irgendwann meine liebe Freundin… irgendwann werd ich  auch mal ne Karte ergattern und dann bin ich dabei.. auf meiner Wilhelmine im Hafen beim Hafengeburtstag.

Und mehr Heimat geht dann nicht mehr.. sonst platze ich.

Bussi deine S.

Heimat VII HEIMAT?DA WAR ICH NOCH NIE!

Oh, liebe S.,
das kenn ich auch, das man einen Ort findet, den man meint zu kennen. Ich hatte das in der Bretagne, irgendwie das Gefühl, da gehöre ich hin, da komm ich her. Vielleicht bisschen esoterisch gedacht, aber egal. Auf alle Fälle war es ein gutes Gefühl.
Vor 2 Jahren war das Thema des Augsburger Friedensfestes :
HEIMAT?DA WAR ICH NOCH NIE! Das waren Worte, die mich fast immer zu Tränen gerührt haben, wenn ich eins dieser Plakate gesehen habe. Da schwingt soviel Sehnsucht mit. Und gleichzeitig denke ich dabei an dieses Festhalten der Heimat, ich denke an diese Vereine, in denen man Brauchtum pflegt, ich denke an die grossen VertriebenenTreffen, der Sudetendeutschen, der Banater Schwaben, Menschen die auf Grund von Krieg und Vertreibung ihre Heimat verloren haben.

(Im übrigen fand ich eine Zeitlang diese Treffen furchtbar, dieses Traditionsgetümel, dieses Beharren auf  Althergebrachtem. Spiessig fand ich es, ich dachte: Ey Leute, es gibt noch andere schöne Orte auf der Welt, seid doch mal flexibel!)

Und haben  wir, die Nachkommen der Vertriebenen, heute Verständnis für all die Menschen, die weiterhin auf der Flucht sind?  Sind wir uns bewusst, das wir selber zum Grossteil Vertriebene , Geflüchtete sind?

Die Familie meiner Mutter kommt aus Polen, Pommern, irgendwo von da.
Mein Vater verliess seine Heimat, Mecklenburg, nach dem Krieg. Er flüchtete. Er konnte seine Eltern und Geschwister eine lange Zeit nicht sehen.
Ich hab diesen seinen Schmerz als Kind sehr gespürt. Heimat, da war ich noch nie, vielleicht hat mich das deshalb so berührt.

Bei uns in Ratzeburg gab es die Mecklenburger Treffen. Dort trafen sich in den 70er Jahren  die Mecklenburger, die ihre Heimat verlassen mussten, es gab eine Gulaschkanone, auf dem Domberg, da hab ich mir weiss Gott was drunter vorgestellt.(Da drin war nie Gulasch, immer Erbsensuppe. Knallt und knattert und raucht ja auch hinterher.)
Ein Rotkreuz Auto fuhr durch die Stadt und suchte per Lautsprecher „Quartiere“, ich verstand „wilde Tiere“ und bin aufgeregt zu meinem Vater gelaufen und hab gerufen,:“Papa, die suchen wilde Tiere!“
Dann gingen wir nachmittags auf diese Treffen , und mein Vater traf dort Menschen, die er kannte.Schulkameraden, alte Freunde, Ruderkameraden. Früher dachte ich, das seien Leute aus seiner Heimatstadt, die herreisen durften, erst später begriff ich, das auch diese Menschen hier im Westen lebten, und den Osten, ihre Heimat , nicht besuchen durften.
Manchmal gingen wir feierlich nach Mecklenburg, mein Vater und ich. Denn der Domberg des Ratzeburger Domes gehört zu Mecklenburg, und es gibt einen Grenzstein. Wir haben uns ganz ernst auf die Ratzeburger Seite gestellt, mein Vater nahm meine Hand, und dann taten wir einen Schritt und waren in Mecklenburg.
In seiner Heimat.
Heimat? Da war ich doch schon!

Kat.