Winterkältegedankenirrwege

 

Liebe K.,

mein Fotoapparat ist wieder funktionstüchtig. Sand im Getriebe ;-). Die Speicherkarte wollte auch nicht mehr so richtig. 2 GB Karte, eine grössere nimmt der Apparat nicht, weil er einfach zu „alt“ ist. So die Fachauskunft des Verkäufers im Fotogeschäft. Hauptsache ich kann überhaupt noch Fotos damit machen, der Rest ist mir erst einmal egal. Das da oben ist von gestern. 🙂 , weil die Speicherkarte auch nur von den Sandkörnern des Sommers gereinigt werden musste. Unsichtbare.. ich hatte vorher keine darauf entdeckt.

Der Verkäufer erzählte mir nicht nur etwas über diese Sorte Fotoapparate, die eben alt, aber gut seien, sondern auch davon, dass der Besitzer des Ladens aus Altersgründen das Geschäft abgäbe und es noch keinen Nachfolger gibt.

-Oh-

Es gäbe schon Interessenten für den Laden. FON ( Friseur ohne Namen), Magic nails und eine Backstuben und eine Apothekenkette.

Klar, ein Geschäft in der Lage ? Beliebte Fussgängerzone..

Man könnte doch schauen, was da noch fehlt. Welches Geschäft sinnvoll wäre und nicht wer am meisten zahlt. Freie Marktwirtschaft ich weiss.. aber mit Folgen. Kapitalismus in reiner Form.🤮

Ich gehe durch die klirrende alle Gedanken erfrierenlassende Kälte nach Hause. An der Hauptstrasse ein neues Schild. Die Bäckerei zieht um, auf die andere Strassenseite diagonal gegenüber. Was wird aus dem alten Geschäft ? Das sei verkauft worden, erzählte die schon immer und alle Tage hinter dem Verkaufstresen stehende niemals zu altern scheinende Frau. Sie ziehe mit um in das neue Geschäft und freue sich wie Bolle.

Alles sei grösser, heller moderner.. nur die Parkplatzsituation wäre da nicht so günstig. Abbiegen von der Hauptstrasse um zum Bäcker zu gelangen, und dann wieder zurück auf die Hauptstrasse… mmmh.. machte sie. Ich auch ! Mh mh.. wenn das man gut überlegt ist . Was in den alten Laden ziehen würde, wusste sie auch nicht.Bisher noch keine Interessenten. An dieser Stelle liebe K. könnte man tatsächlich einen kleinen Lebensmittel und Gemüseladen gebrauchen. Den könnten die älteren Leute aus dem Wohngebiet auch gut erreichen und alle anderen wären sicher auch froh ; z.B. wenn man mal keinen Grosseinkauf machen muss und nur etwas fehlt. Frisches Obst und Gemüse vor Ort, das wär super.

Keine Planwirtschaft hier bei uns. Mitspracherecht der Anwohner : so gut wie Null.

Also warten wir ab was dahin kommt. Heute morgen bei meiner walking Runde sah ich nur ein kleines Schild. demnächst…. und darauf war eine Lotusblume zu sehen und funkelnde Nägel.. 3 Mal darfst du raten. Ob unsere grumpy Nachbarin ihren Garten demnächst dann mit funkelglitzer Nägeln bearbeiten wird ? Das wär doch mal was Neues! Das Frühjahr wird es zeigen.

In diesem und anderem Sinne, hoffe ich auf einen baldigen Frühling und das mein Gehirn wieder auftaut.

herzliche Grüße an Dich

und toi toi toi für den 1. Tag auf der neuen Station

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von mindestens 2 Paar „Schuhen“

Meine liebe Freundin K.,

erst einmal danke , dass Du hier auf diesen Film hinweist. Ich weiss wie sehr Dir das ein Anliegen ist und kann das gut nachvollziehen, zumal Du ja auch selber vor Ort warst und mir eindrücklich berichtet hast.

Deine Verbindung zum Schluss… mit dem „Fremden“ hier und dem Umgang usw., sehe ich insofern anders, als das es für mich tatsächlich 2 Paar Schuhe sind. Nicht weniger bedenklich und/oder nachdankenswert, sondern einfach 2 verschiedene Themen.

Ich werde Dir das in einer persönlichen mail darstellen, denn für mich sprengt diese Art Diskussion hier den blog Rahmen.

Es grüsst dich er herzlich

Deine S.

 

 

Betrachtungen über Wartezeiten im Januar

Liebe K.,

hast du dich schon mal gefragt wieviele Minuten wir mit Warten verbringen ? Mit der Ungeduld auf eine nahe Zukunft in der der Zug kommt ? Man kann die Wartezeit „nutzen“ indem man Musik hört oder man starrt aufs smartphone , oder hüpft rum oder oder oder..

Es sind Lebensminuten die da verstreichen; ist uns das immer bewusst ?.Man könnte etwas Freundliches tun. Anstatt sich z.B. über die Verspätung zu ärgern.. z.B. jemandem zulächeln, oder jemanden kennenlernen der/die auch so dasteht und wartet.. in der Kälte des Januars bei fiesem Ostwind.. so wie ich heute..oder ist der Weg das Ziel ? Hahaha.. da stand ich . dachte Verschiedenes vor mich hin.. z.B. welcher Taschentyp ich bin.. und das ich keinen sogenannten Shopper möchte, weil die mir whs. zu schwer ist und an meiner ohnehin schon lädierten Schulter zieht ,aber Rucksack ist auch out.. oder ? Ewiges Öko…. wie kann ich meinen Milchkonsum einschränken, wenn ich Sojamilch nicht mag und Hafer und Mandelmilch zu süss finde ?

So stand ich also da mit all diesen „wichtigen“ Gedanken und ohne Kopfhörer mit Musik drauf.. nebenbei beobachtete ich 2 Frauen ca unserer Alters.. Yogamatten im übergrossen Shopper… … Ach was.. sagte die eine… von wegen der Weg ist das Ziel !  Weg!  ( sie sprach es wech aus…) ist das Ziel..“ ich musste lachen.. ich die Finderin hatte wieder einen Satz gefunden.. wie lustig… wech ist das Ziel.. die Duplizität der Ereignisse.. so kann man es auch sehen..

-Ihr Zug verspätete sich auf Weiteres-… unbekannt… Polizei und Rettungseinsatz am Hauptbahnhof… nah toll.. also weiter warten.. gleichmütig wie eine Kuh mit ihren 4 Mägen dastehen.. Gedankenfetzen verdauen.. welcher Taschentyp.. achgottchen das sind Problemchen.. Quarko käso.. wie einer meiner Exen immer sagte.. ein kurzer Gedanke an ihn.. wie es dem wohl geht… er wollte damals die Welt retten… seufz… lange30 Jahre ists her..

Zwei Teenies wecken meine Aufmerksamkeit.. “  man alder eeyyy.  PRANK !!!!! Hab ich schon 1000 mal gefeiert.. eeeey, bist du bekloppt ???oder was ? Kennst du nich ?????

WAAAAAASSSSS ? Wissu mich als bekloppt desinfizieren oder was ??? “

Ich muss lachen.. wie das wohl geht.. jemanden als bekloppt desinfizieren.. Kopfkino…

In der Bahn sitzt mir ein anderer Teenie gegenüber.. bebrillt.. cool.. Sennheiser Kopfhörer auf LAUT.. er starrt mich gelangweilt an und verdreht langsam die Augen zu einem Schielen.. kann ich auch.. er verdreht die Augen nach oben rechts ( doofe Alte) ich mache mein erprobtes Debilengesicht und fletsche die Zähne.. er lacht.. ich grinse.. mehr geht nicht.. es ist einfach zu kalt… dieser Ostwind.. und die Frage.. welcher Taschentyp bin ich denn nun.. ich warte auf meine Haltestelle um endlich aussteigen zu können..Januargrau… zu Hause erstmal Kerzen anmachen und Kakao kochen..

Deine S.

Dreikönigstag=Tannenbaumblues

Lieber K.,

vorhin sah ich sie auf meiner Walkingrunde am Wegesrand.. sie lagen in Haufen.. und warten darauf , dass sie am Montag abgeholt werden.. so sad.. sie standen mind. 10 Tage in der guten Stube.. was sie wohl alles gesehen haben…es machte mich ganz sentimental… Kinder die sich über Geschenke freuen, ein erstes gemeinsames Weihnachten, Streit unterm Baum.. die Vorfreude auf ein gelungenes Fest… Mit und ohne mit Krone.. Bienenwachskerzen oder Lichterkette.. Katzen die auf den Weihnachtsbaum klettern..Lametta.. ja genau viel Lametta ..Glitzer.. Kugeln die glänzen..

manche sahen ganz abgefressen aus.. fast schon ohne Nadeln.. andere braun und seehehr trocken.. aber die meisten sahen noch gut aus..seufz….

Als Kind habe ich Tannenbaumverkauf gespielt.. immer in den Tagen bevor sie abholt wurden.. wir sassen oben auf den grossen Müllanlagen vom Hochhaus und haben sie alle begutachtet .. und dann angepriesen und „verkauft“.. stundenlang.. und ich hatte das Gefühl, dass sie nochmal alle die Beachtung bekamen die sie mindestens verdient hatten.. Traurig war ich trotzdem davon.. irgendwie.. bis es dann endlich die Bäume mit Ballen gab.. von da an mussten die gekauft werden .. immer ! Meine Eltern und dann die jeweiligen Lebenspartner mussten immer nach Weihnachten mit mir einen Platz suchen für den „lieben“Baum und  mir dabei helfen ihn einzugraben… natürlich wurde der Baum auch immer mal wieder besucht.. ob er es „geschafft“ hatte.. Ich erinnere mich an 2 die es wirklich „geschafft“ haben.. einer stand dann neben dem Balkon meiner Eltern und es gab irgendwann Ärger mit dem Hauseigentümern.. 🙂 und der andere stand im Wald.. zwischen anderen.. an ihn denke ich immer wieder an Weihnachten.. schnüff…

Inzwischen habe ich einen Ersatz für diese Bäume gefunden.. d.h. ersetzen kann man das ja eigentlich nicht.. aber ich habe einen Schwemmholzast umgewandelt und bemalt.Der hängt dann im Fenster mit Kugeln usw.. und wurde soeben von mir wieder verpackt fürs nächste Weihnachtsfest..

 

Das Foto oben bekam ich heute zugeschickt und habe es gleich verwendet.. wenn wen das stört lösche ich es sofort!

 

einen schönen Dreikönigstag euch und Dir

Deine

S.

Never change a running system ….

….auch wenn es noch so blöd läuft

Liebe S., ja , es ist schön das mein eigener alleiniger Blog gefällt, und ja, es gibt sicher Parallelen und es ist schön wenn du sie entdeckst, die Parallelen 😉
Aber ich freu mich sehr, wenn dieser unserer Briefwechsel Blog hier nicht einschläft, dazu hab ich ihn zu gerne!

Zu deinem letzten Beitrag:
Das mit der eingefahrenen Struktur,  dem Klagen und dem in der Höhle bleiben. Ich habe in den letzten Wochen meiner Fachweiterbildung ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich war auf einer Station eingesetzt, wo ich im Frühdienst mehr als 14 km gewetzt, gerannt, geflitzt bin, nicht, weil  so furchtbar viel zu tun war, sondern weil z.B.Dinge, die ich für eine Sache gebraucht habe, an 4 verschiedenen Orten lagen, zu denen ich rennen musste, und wenn ich den Vorschlag gemacht habe, vielleicht an einem Ort zum Beispiel es einzurichten ,dass ich wenigstens für den NOTFALL alles beieinander habe(es ging darum ein Magensonde zu legen), da wurde ich angequakt: „das mach ma normalerweise NIE, so eine Magensonde legen, DES BRAUCH MA NET!!!!! “
Ich habe in den 3 Wochen dort aber 2mal eine Magensonde legen müssen.

Jetzt auf dieser weiteren Station gibt es Klagen über das, was die Stationsleitung in 2 Jahren verändert hat, um die Abläufe besser zu strukturieren, obwohl vorher wohl alles perfekt funktioniert hat- warum also wurde dann etwas verändert? Jetzt scheint dort alles mühsamer und chaotischer zu schaffen zu sein.

Veränderungen sind nötig, wenn Abläufe nicht stimmen und die Arbeitsanforderungen sich verändern. Dann muss ich auch kreativ sein, dann muss ich vielleicht auch altgewohnte Arbeiten abgeben können, damit ich mich mehr auf die neuen, anderen Aufgaben konzentrieren kann. Früher haben wir noch die Betten abgewaschen und die Nachtkästchen. Erinnerst du dich? Das machen die Reinigungskräfte jetzt. Es gibt Staionsassistentinnen, die die Visiten ausarbeiten. Es gibt eine Pflegehelferin, die die Zugänge aufnimmt und einweist. So bleibt uns auf der Station, wo ich zur Zeit bin, wirklich mehr Zeit (meistens ) für den Patienten.
Aber es gab Aufschreie ohne Ende: Was? Arzthelferinnen in der Pflege? Was?Ungelernte Bürohilfen im Stationsalltag? Was? Rettungssanitäter auf der IN-TEN-SIV-STATION???? NEIN!!!!
Und? Es funktioniert. Die Rettungssanitäter haben ihre klar zugeteilten Aufgaben, die MTAs auch, die Reinigung sowieso und jeder weiss, wo und was sein Job ist.
Es war damals, ich erinnere mich an die Zeit in München, wo es hiess, es werden Stationshelferinnen eingestellt, da wurde die Angst gross: Die nehmen mir den Job weg. Das, was ich 15 Jahre gemacht habe, macht jetzt jemand mit einer anderen Ausbildung, ich bin also überflüssig. Das sind die Ängste. Oder:
Jetzt kommt die von der FWB(Fachweiterbildung) und will mir erzählen , wie ich das besser machen soll, blöde Ziege, ich hab das schon immer so gemacht und so mach ich das jetzt weiter.
Und bei dir:Was?Extra Zeit aufwänden? Zum Vorschläge machen? Das will doch eh keiner hören, das wird doch eh nicht umgesetzt.

Aber , liebe Leute, wer nicht mit wählt, hat keine andere Wahl, als das anzunehmen,was ihm vorgesetzt wird am Schluss. Dann nützt das ganze Gemeckere nichts mehr, dann muss das angenommen werden, was euch vorgesetzt wird.
Und übrigens: Vorgesetzte haben ein bisschen Schiss vor kritischen, mündigen Arbeitnehmern, und nur so aber ereichen wir was!
Und Chefs haben auch ihre Schwächen.Mein Oberchef zum Beispiel, der fasst sich immer an die Nase, wenn er was wichtiges zu sagen hat. Dann denk ich: Der ist ja total nervös! Und schon schwimm ich gefühlsmässig oben und denke: der kann mir nichts tun!

Und dann bin ich in der Lage, ihm vernünftig meine Vorschläge zu unterbreiten. Manchmal klappt es, aber wir müssen auch was riskieren. Denn es geht um uns.

Viel Erfolg Euch! Make the Revolution!
Deine Kat.

Das Schweigen brechen oder : Die Hoffnung ist grün

Liebe S.,
das ist jetzt politisch. Ich habe gestern auf Arte eine Sendung gesehen:
Re: Breaking the silence.
Als ich letztes Jahr in Israel war, bin ich mit einigen Aktivisten einer anderen Friedensorganisation (combattants for peace)in Kontakt gekommen und war beeindruckt von deren Arbeit für den Friedensprozess zwischen Israel und Palästina.
Nun sah ich zufällig gestern auf ARTE diese Sendung- es ist tatsächlich so, das Breaking the silence polarisiert, auch wohl bei den in Israel arbeitenden Friedensorganisationen. Nichtsdestotrotz ist Aufklärung notwendig:

Breaking the silence gibt ehemaligen Israelischen Soldaten die Möglichkeit, über ihre Einsätzen in von Israel besetzten Palästinensergebieten zu sprechen (Arte)

Wen näheres interessiert, kann diese Sendung noch 4 Wochen lang in der Mediathek ansehen.

Aber worüber ich hauptsächlich schreiben möchte, ist über eine Szene, die am Ende der Reportage (Minute 28) läuft:
Der Leader der Organisation, Yehuda Shaul,  ist mit dem Reporterteam in Hebron, er spricht, wie ich finde bewegt, über das was er in Hebron erlebt hat, und dann fährt ein Auto mit israelischen Fahnen vorbei , hält an, ein Mann steigt aus, hält sein Handy vor sich, filmt  Shaul, stellt Fragen, auf Hebräisch und Englisch, und filmt und filmt mit seinem Handy, während der Shaul zur Seite schaut, versucht nichts zu sagen, und ich bin wie gelähmt davor gesessen, und dachte: Was für ein Hass, und was für eine Stärke von Shaul, sich nicht provozieren zu lassen. Nicht zu sagen:Komm, Alter, pack dein Handy weg!
Er ist berührt, meine ich, bis die Reporterin sagt: Komm , lass uns gehen! da kann er : Yallah sagen und weggehen, während der andere in sein Auto steigt und mit wehenden Fahnen davon braust.

Viele Fragen stellen sich mir: Was ist das für eine Gesellschaft, die versucht zu dokumentieren was geht? Der wird seine kleine filmische Leistung bestimmt ins Internet gestellt haben. Wo bleibt die Privatsphäre? Sicher ist Shaul eine öffentliche Person und rechnet damit, immer im Kreuzfeuer der Öffentlichkeit zu stehen. Trotzdem!Welch ein Mut gehört dazu, nicht aufzuhören, weiter zu machen, auch wenn du angefeindet wirst.

Er sagt einen guten Satz :

„Ich möchte mir am Ende des Tages in den Spiegel schauen können. Und wenn wir das Schweigen nicht brechen, dann erfährt es niemand. „

S., ich wäre manchmal auch gerne so mutig, denn es gibt so viel, was wir erzählen könnten, und was geändert gehört,….
Ich lese gerade von Hannah Arend :“Über das Böse“, und genau darum geht es immer wieder:
Nicht wegschauen, hinsehen, aufstehen, laut werden, und sich nicht nur kurz wundern, warum, wie Arend schreibt, erlernte moralische Prinzipien plötzlich nicht mehr gelten, der Bürger  kurz irritiert ist, sich wundert, aber weil die Gesellschaft es okay findet, plötzlich anders -unmoralisch-zu handeln, der Bürger da einfach mitmacht. „Machen ja schliesslich alle so, also ist es auch okay, wenn ich da mitmache“.
Nee, nee, so will ich niemals sein!

Und ja, grün ist ne schöne Farbe, wenn auch nicht unbedingt in diesem Retrostyle, aber Grün ist Hoffnung.
Alles Liebe Kat.

Sonntagmorgen in der Provinz

Liebe S.,

Sonntagvormittag.
Ich sitze sehr gemütlich auf meiner Terrasse , lese Zeitung.
Ich lese vom Angriff  des amerikanischen Präsidenten auf dieses Lager in Syrien, weil er -laut SZ-, erschüttert über den Giftgas-Tod dieser „beautiful babies“ war.
Hallo, Mr. President, der Krieg geht jetzt schon einige Jahre! Muss da, weil man einen Anflug von Rührung kriegt, so nebenbei bisschen geschossen werden, und dann geht man wieder fein zum Essen mit dem Chinesischen Staatsoberhaupt, dessen Frau so eine schöne Stimme hat?
AAArrrgghhh, diese beknackte Oberflächlichkeit! Das er nicht nebenbei noch ein paar russische Militärangehörige getroffen hat, und dann ein Atomkrieg losbricht-Schwein gehabt, wir alle!YEP!DSC_1402

Und so verspeise ich gemütlich, aber erschüttert, meine Semmel, lese weiter die Zeitung und mache mir so meine Gedanken zum Weltgeschehen.
Da werde ich aufgeschreckt durch keuchende Laute und Getrappel auf der ehemaligen Bahnstrecke hinter dem Garten. Massen an schanufenden joggenden Menschen ziehen vorbei , wippende Pferdeschwänze, Gespräche:

huuh, ich mach das jetzt öfter,-schnaufschnauf- guck mal-lufthol– ich – schnauf– ich finde-schnauf– morgen machen wir das wieder….“

„Ne-schnauf-nein- morgen –keuch-machen wir Pause- schnaufschnauf– man soll nicht- keuch– jeden Tag-……“
Flockigen Schrittes werden die Damen überholt von einem tänzelnden Angebertypen Mitte 40 : „Nun die Damen, nicht so viel reden, dann klappt das auch mit der Fitness“ und der Angeber springt davon.
Der Pferdeschwanz hüpft jetzt nicht mehr so lebhaft. Ein älterer Herr radelt an den Damen vorbei, auf dem E-bike: „Nicht entmutigen lassen, Mädels!“ sketch-1491727657136

Sirrrrr, entschwindet er aus dem Blickfeld.

Tja, so ist das Sonntags in der Provinz.
Dazu fällt mir was von  Tina Teubner ein:

„…Wenn die Evolution will, das der Mensch hektisch durch Parks rennt, hätte sie mehr Löwen reingestellt. Aber das will die Evolution nicht. Die Evolution will,das der Mensch sich ausruht…..“

 

In diesem Sinne einen geruhsamen Sonntag!

Umärmelung
Kat.

„… was wird aus den nicht-gelebten Sachen…“-oder: nie mehr Prinzessin

Liebe S.,

„was wird aus den nicht-gelebten Sachen?“-ich weiss es nicht.
Manche Träume kann ich weiter tragen und weiter leben, weil ja immer noch Zeit bleibt. Ich träume zum Beispiel davon, Kanada zu bereisen, den Osten, Toronto, Ontario. Ich träume davon, an einem dieser grossen Seen zu sitzen, auf das Wasser zu schauen, dann kommt einer mit dem Kanu und lädt mich ein, mitzufahren, durch das Wasser zu gleiten, an den Inseln vorbei, vorbei an alten mystischen Stätten,…(der Hüter der Trommel)
Zu meinem 40. Geburtstag schenkten mir meine Kinder einen Reiseführer: Kanada, der Osten.Und eine Karte mit einem Ahornblatt, selbstgemalt. Für deinen Traum, liebe Mama.

Was ist aber, wenn dieser Traum real wird? Ist Kanada danach dann immer noch so verheissungsvoll? Oder hat es seinen Reiz verloren?
Manche Träume frisst sicher die Zeit auf, wie den Traum nach einer Familie, den Traum nach einer intakten Partnerschaft, nach einem eigenen Häuschen, nach einer Führungsposition im Beruf. Oder nach einem elfenhaften Dasein.

Manche Träume aber kann ich weiter träumen und vielleicht werden sie real. Irgendwann.

Audrey Hepburn, ja, so wäre ich auch gerne gewesen.Oder Sophie Marceau, oder die Amelie aus diesen französischen Filmen. Was reizt mich daran, so sein zu wollen? Ich bin doch gerne ich, bodenständig, kraftvoll, zupackend, und so bist du doch auch. Dass sie dich nicht liessen, oder das du so nicht sein wolltest,…rosazart, hmmm….Stecken in uns zwei Frau-sein-Möglichkeiten? Müssen wir in unserer heutigen Zeit so doppelbildig sein? Auf der einen Seite zart, anschmiegsam, hilflos, auf der anderen Seite zupackend, initiative-ergreifend, im leben stehend, … ich weiss es nicht.

Bei den Spielen im Wald mit meiner jüngeren Schwester war ich immer der Prinz, der sie gerettet hat. Ich wäre so gern auch mal die Prinzessin gewesen, aber dazu war sie, die Schwester, zu zart und zu schmal und ich zu kräftig. Also hab ich sie gerettet.
Und wurde so zu der, die ich bin, unter anderem.
Ach ja, und als im Kindergarten des JüngstliebstenSohns ein Theaterspiel der Eltern für die Kinder anstand, es hiess „Der Waldmensch“, wurde die Rolle des verwilderten Waldmenschen, der der Prinz war, na rate mal-wem zugeschoben? MIR! Ich hab das Video letztens wieder angesehen, und so schlecht war ich nicht in der Rolle des grollenden brummenden Waldmenschen.

Und noch was: ich hatte eine kurze Zeit in meinem Leben einen Partner , für den ich die Prinzessin war, und ich sage dir: Es hat mich kolossal genervt!DSC_0070

Lieber Rebellin als Prinzessin!
Morgen gehts nach England, ich hab den Koffer schon gepackt, mit ganz viel Senfgläsern drin für die englische Freundin. Und für dich bring ich was Schönes aus Glastonbury mit.

Bis in 2 Wochen! Kat.

Bittersweet Symphony

Liebe S.!
Familienausflüge an schöne Orte machen Spass,Sonntagsnachmittagsspaziergänge,  plaudernd läuft man über Wege, man lacht miteinander,  man spricht miteinander. Das ist schön. Aber heute war mir der Sinn nach Alleinsein. Allein ein Ziel anstreben, nicht nur einfach mal ne Runde durch den Wald laufen, sondern an einen besonderen Ort fahren. Einen Ausflug machen. So bin ich dann in den Botanischen Garten gefahren.

Schonwie mich die Kassierin angelächelt hat, hat mich fröhlicher gemacht. Ich bin nämlich im Moment sehr erschöpft und müde.
Erst hab ich mir im Biergarten eine Bratwurst gegönnt.
Eine Gruppe älterer Damen war ebenfalls dort, sie haben dort zu Mittag gegessen, und sich darüber unterhalten wie sie Kartoffelpuffer zubereiten.Die eine isst Kartoffelpuffer am liebsten mit Remoulade, die andere mit Apfelmus. Sie bestellten sich ihre Currywurst, ihre Kartoffelpuffer und ihre Sauerkrautwürstel und unterhielten sich.Gerti und Traudi und die Erika, und sie haben laut gelacht dabei.
Das fand ich schön. Ich fand es schön, ihnen zuzuhören und zu sehen wie sie aufeinander achten.
Später kamen die Gärtner und assen ebenfalls zu Mittag, auf Personalkasse.
Ich hab überlegt, ob ich vielleicht Gärtnerin  werden sollte.Mit  der Erde arbeiten, mit den Pflanzen, später zu sehen, was meine Arbeit bewirkt hat, wie alles blüht. Das macht vielleicht nicht so traurig(Typische klimakterische depressive Verstimmungsattacke gerade, würde ich sagen, seufz….)
Zum Abschluss hab ich mir noch Eis gekauft, wenn schon denn schon.
Ich setzte mich damit  in eine Pergola, die ganz überwachsen war mit Geissblatt , und hab den Hummeln beim Summen zugehört.
Später bin ich dann  ganz entspannt über  die Wege gegangen, hab den Rosen beim Blühen zugeschaut, dem Wasser im japanischen Garten beim Fliessen, und den Karpfen im Teich  beim Luftschnappen.
Jetzt, zu Hause, habe ich bittersüsses Gelee gekocht, aus Limonen und Pfefferminz, ich bring dir ein Glas mit, im September, wenn ich dich besuche,  und gerade denk ich, bittersweet ist meine Stimmung. Herrje.
Draussen jagen die Wolken über den Himmel, die Äste schleudern hin und her an den Stämmen, aber ich hab schöne Bilder gemacht.Im Botanischen Garten.
Schau:

Morgen ist alles wieder richtig gut.Heute hab ich ja schon damit angefangen. 😉
Deine K.