Vom Befreien

Liebe S.!
(Und  liebe Leserinnen, die ihr so viel Anteil an Hildes Geschichte nehmt.)
Schön wäre es, wenn Hilde auf dem Campingplatz am Atlantik einen Job in der Rezeption gefunden hätte, der Campingplatzbesitzer hätte sich in Hilde verliebt und sie hätte auf ewig täglich Spaziergänge am Strand machen können. Aber Hilde wollte ja heim.
Vielleicht nicht unbedingt zu ihrem Herbert, aber sie hat ja 2 Enkelkinder, die sie liebt und eine Tochter, die meistens ja auch nett ist und die sie ebenfalls liebt. Seine Kinder liebt man einfach, egal wie ekelhaft die ihre Mutter auch manchmal behandeln.
Hilde fuhr also wieder nach A. zurück, ihre Siebensachen passten in eine kleine Sporttasche, in den Ohren hatte sie immer noch das Rauschen des Meeres und um den Hals trug sie eine Muschel, die sie am letzten Tag gefunden hatte. Die Muschel hat ein Loch an ihrer engsten Stelle, und Hilde hat sie aufgefädelt auf ein dünnes Lederband, das sie im Souvenirschop gekauft hatte. Sie fühlte sich ein bisschen wie ein Hippie. Als sie am Abend in A. zu ihrem Haus kam, war alles dunkel, die Vorhänge zugezogen, das Wasser abgestellt, und nirgendwo ein Herbert zu finden. Ein klein bisschen schlechtes Gewissen hatte Hilde, weil sie erleichtert darüber war. Sie inspizierte  den Kleiderschrank, ein paar Kleidungsstücke von Herbert fehlten, also war er nicht gestorben, sondern vielleicht auch verreist, dachte sie.
Sie schlief gut in dieser Nacht.
Am nächsten Morgen fuhr Hilde zu ihrer Tochter.Sie klingelte , ein wenig zaghaft, an der Haustür. Die Tochter öffnete und als sie Hilde erkannte , brach sie in Tränen aus.
„Mama, ich bin so sauer gewesen erst auf dich und dann hatte ich Angst, das dir was passiert ist, aber auf den Kontoauszügen hab ich gesehen, dass du Geld abgehoben hast und wo du bist, aber warum bist du weggegangen , es war schrecklich, Papa war furchtbar, ach Mama, ich bin so froh ,dass du wieder da bist!“
„Schschsch, „, machte Hilde, “ jetzt bin ich ja wieder da. Und wo ist Papa?“. Da guckte die Tochter zornig. „Papa“, schnaubte sie, “ den hab ich in Kurzzeitpflege gesteckt, der Pflegedienst kam dreimal täglich und dreimal täglich hat er den Schwestern in den Hintern gekniffen und da haben die ihm kurzerhand den Vertrag gekündigt. Einmal am Tage sei tolerierbar, hat die Pflegedienstleitung gesagt, aber dreimal am Tag sei zuviel. Aber ich finde auch einmal am Tag ist zuviel, und dann hat er mit mir nur rumgenörgelt und gemeckert und da hab ich verstanden, warum du weggegangen bist, Mama!“
In Hilde machte sich ein zufriedenes Gefühl breit. „Mich hat er zuletzt vor 25 Jahren in den Po gekniffen, aber schön fand ich das auch nicht“,  sagte sie.

Heute hab ich Hilde im Zoo wieder getroffen, nicht bei den Waranen, sondern bei den Kattas.20160621_131318 20160621_131555Kattas sind kleine Baumaffen, mit langen Schwänzen, die im Zoo in A. ein Freigehege haben und weil es Menschen gibt, die sie am Schwanz ziehen oder mit Steinen versucht haben, sie von den Bäumen zu holen, hat der Zoo Mitarbeiter gesucht, die die Besucher und die Affen im Blick haben, die Türen zum Freigehege öffnen, und aufpassen, dass die Kattas nicht gefüttert werden.
Hier arbeitet Hilde 4 mal in der Woche. Sie liebt es, die Menschen zu beobachten und die Kinder , die über die Sprungkünste der kleinen Affen staunen, sie liebt es zu beobachten, wie die Affen miteinander umgehen.Keiner von ihnen ist alleine, diese Affen kuscheln gemeinsam und springen gemeinsam.
Manchmal kommt ihre Tochter mit den Enkeln vorbei. Die schlingen dann ihre runden Ärmchen um Hildes Nacken und schnaufen ihr in die Haare, dann ist Hilde glücklich. Herbert ist von der Kurzzeitpflege direkt in ein Pflegeheim gegangen, Hildes Schwiegersohn hat das Haus verkauft und Hilde lebt in einer kleinen Gartenwohnung nicht weit vom Zoo. 4 mal in der Woche besucht sie Herbert, sie erzählt ihm von ihrer Arbeit, sie schauen alte Fotos an oder sie fährt ihn im Park spazieren.
Gestern hat ein Zoobesucher, der regelmässig kommt, Hilde gefragt, ob sie mit ihm nächste Woche zum Tanztee gehen möchte. Hilde hat an ihre Muschelkette gefasst, kurz überlegt, und lächelnd gesagt:  Tanzen-ja, das  wäre mal wieder schön.

Kat.

Vom Meer und den Wellen

Liebe S.,

Erinnerst du dich an Hilde? Aus meinem Beitrag Vom Weggehen ?
Ich hab heute überlegt,was wohl aus ihr geworden ist? Vielleicht ist sie tatsächlich in Paris angekommen und hat sich am Gare de L`Ést  im Intercontihotel ein Zimmer genommen. Um eine kleine heimelige Pension zu suchen, reichen ihre Französischkenntnisse nicht aus.Sie hat sich 3 Tage durch die Stadt treiben lassen, mit dem Taxi konnte sie sich immer wieder ins Intercontihotel bringen lassen, das ist nicht schwer auszusprechen und jeder Pariser Taxifahrer kennt es. Aber nach 3 Tagen hat ihr der  Trubel der Grossstadt gereicht. Sie ist zum Bahnhof an den Reisebüroschalter gegangen.Irgendwie hatte sie Sehnsucht nach dem Meer.
Am Schalter sass ein junge Frau. Hilde fragte zaghaft: „Sprechen Sie ein bisschen Deutsch?“
Die junge Frau begann zu strahlen und sagte: „Ja, gerne, ich hab in der Schule Deutsch gelernt, wie kann ich Ihnen helfen? “
„Ich möchte ans Meer“, sagte Hilde.
„Davon haben wir hier genug“, antwortete die junge Frau und nach ein bisschen plaudern buchte Hilde eine Zugfahrt nach Nantes, ein kleines Mobilhome auf einem Campingplatz in der Nähe am Atlantik und einen kleinen Leihwagen. In 3 Stunden ging der Zug.Hilde kam sich sehr abenteuerlustig vor und überlegte, ob sie kurz zu Hause anrufen sollte. Ihr Handy hatte schon längst den Geist aufgegeben, sie hatte schliesslich kein Ladekabel dabei in ihrer Handtasche. „Was für ein Glück eigentlich“, dachte sie, „sonst hätten sie mich mit SMS bombardiert, und ich wäre sicher umgekehrt. Aber so mache ich mir ein paar schöne Tage am Meer.“
Der Campingplatz am Atlantik war ziemlich gross und es dauerte eine Weile, bis Hilde ihr Mobiles Heim für die nächsten 10 Tage gefunden hatte. Es lag in einem Pinienwäldchen, der Duft der Piniennadeln in der Abendsonne umfing Hilde. Dieser Geruch erinnerte sie an ihr Wohfühlölbad, aber jetzt in der Natur war er viel intensiver.Der Boden war weich und ihre Schritte federten leicht. In der Nähe hörte sie das Meer rauschen.
Sie ordnete ihre wenigen Kleidungsstücke, die sie sich in Paris gekauft hatte, in das kleine Regal hinter dem schmalen Bett, nahm ihr Handtuch und machte sich auf den Weg zum Meer.
Sie war überwältigt von der Weite des Strandes, der Weite des Himmels und des Wassers.

Die nächsten  Tage verliefen in einer Gleichmässigkeit und einer Ruhe, die Hilde so lange schon vermisst hatte. Morgens verzehrte sie im kleinen Campingplatzbistro ein Croissant und einen Milchcafe. Dann ging sie zum Meer.Sie ging den Strand entlang , erst eine Stunde die Unendlichkeit des Meeres zu ihrer Linken, dann eine Stunde zu ihrer Rechten. Sie beobachtete die Surfer in den Wellen, von denen sie zuerst gedacht hatte, es seien Pinguine, denn sie erkannte nur schwarze kleine Gestalten, die auf den Wellen tanzten.
Sie beobachtete die Familien, die unter Strandmuscheln lagen, sich sonnten, die Väter die  mit ihren Kindern Strandburgen bauten, die Mütter lagen in der Sonne, manche lasen.Sie beobachtete junge Leute, mit ihren Surfbrettern, die Bier tranken und lachten.
Ein kleiner blonder Junge stand im Wasser und spielte selbstvergessen mit einer Kokosnusschale, die auf den Wellen auf und ab tanzte.
„Wie einfach das Leben ist“, dachte Hilde.
Mittags ging Hilde in ein kleines Strandrestaurant und ass ein Baguette oder einen Teller Nudeln, dann ging sie zurück zum Campingplatz. Dort nahm sie den Duft der Pinien in sich auf, während sie in einem Liegestuhl lag und den Himmel und die Bäume betrachtete.

Am Abend machte sie sich erneut auf den Weg zum Meer.


Wenn sie glaubte, allein am Strand zu sein, stiess sie Schreie aus, gegen den Wind. Sie, die Hilde aus A., die immer leise und still alles ertragen hatte, schrie gegen den Wind.Wetterte und schimpfte.Jauchzte, sang und jubelte.  Erfand böse Wörter für alles, was sie geärgert und verletzt hatte. Dann lachte sie über sich selber. Und bückte sich nach Muscheln und Steinen und warf sie voller Kraft zurück ins Meer.
Von den Spaziergängen wurde ihre Haltung aufrechter, ihre Beine kräftiger und  ihr Herz weitete sich.
Sie liebte es, die Wellen zu beobachten, das ewige Auf und ab, das rhythmische Hin und Her.
Hilde spürte diesen Rhythmus in sich.
Sie spürte eine grosse Ruhe in sich und eine Kraft wuchs in ihr.

Hilde machte Pläne. Sie wusste jetzt, wie sie ihr Leben weiter leben würde.
Nach 10 Tagen war Hilde bereit, nach Hause zurückzukehren.

Kat.

Säbelzahntiger, Seeigel und veränderte Sichtweisen

Liebe S.,

die Vorstellung, dass der versteinerte Seeigel vom Säbelzahntiger angeschlappert wurde, gefällt mir sehr gut. Ja, wer sind wir, das wir uns so wichtig nehmen.Sandkörnchen im Weltenall.Ich dachte immer, ein Sandkorn, nein, ich will nicht nur ein Sandkorn sein, ich will doch was bedeuten! Dann kam irgendwann ein Lied auf, Sand im Getriebe sein, das gefiel mir sehr gut, diese Vorstellung, selbst wenn du ein winziges Sandkörnchen bist, aber du steckst an einer Stelle, wo das absolut nicht hinpasst, dann fängt das Getriebe ordentlich an zu knirschen und plötzlich ist es ausser Gefecht gesetzt, das Getriebe. (Dank google hab ich den Text zu diesem Lied wieder gefunden , haha, das war meine Prostestsong Zeit!).

So gesehen war auch der Seeigel Sand im Getriebe, denn der Säbelzahntiger hat ihn ausgespuckt, aber vielleicht, weil auch die Ursuppe versalzen war, wörx, igitt, und ist wütend von den dänischen Stränden geschlichen. Seitdem gibt es keine Säbelzahntiger mehr in Dänemark und die Wikinger konnten sich ausbreiten.

Und zum Thema Auflaufen lassen, mit deinem Kollegen, der alles hinwirft… klar ist manchmal der Wunsch da, einfach abzuhauen, weg zu gehen, alles stehen und liegen zu lassen, ihr könnt mich mal, mir doch egal,….aber das ist keine Lösung. Finde ich. Klar, wenn es reicht, muss man gehen. Egal wohin. Nur, meine Erfahrung: Eigentlich ist es woanders nicht viel anders.Irgendwie holt dich dieselbe Schiete immer wieder ein. Da hilft nur, seinen Blickwinkel zu ändern. Den Fokus anders zu machen. Ne andere Farbe drüber legen. Anders gewichten und bewerten.Irgendwie so.

Und über die Ewigkeit mag ich heute nicht nachdenken. Draussen ist es warm, ich hab heute nacht meinen Fuss angehauen, irgendwen wollte ich treten, jetzt humpel ich ein bisschen,aber bis nächste Woche ist es wieder gut. Dann geht es weiter!

Und schau,…manchmal hilft auch ne Glaskugel, die Sicht zu verändern. Schönen Tag! Kat.

Sommerlaune-Sommerblues

Meine liebe Freundin S. wie Sommerlaune!
Tolles Foto in deinem letzten Beitrag. Ist das aus eurem Urlaub?
Und ja, bitte antworte auf meinen letzten  Beitrag, der hat so viele Reaktionen hervorgerufen, gute tolle inspirierende Kommentare, dass ich heute meine eigene Einstellung zu diesem Thema überdacht habe. Eben fällt mir die erste Zeile zu einem Gedicht ein, dass ich mit 16 geschrieben hab: Der Tod ist kein wilder Knochenmann, nur für die , die das Leben lieben……ach je, was war ich da aber dunkelmütig drauf!
Und deshalb war der Kommentar von Ulli so toll, dass der Tod eine Todin ist, eine zahnlose Schwarze. Warum nicht eine Frau? Warum nicht eine Art Mutter, die mich dann aufnimmt? Mir fällt dazu das Bild der BabaYaga ein, so wie es in den Märchenbüchern dargestellt wurde, die mir meine Oma aus der DDR geschickt hat: Russische Märchen.
Die BabaYaga, die in ihrem Häuschen aus Hühnerknöchelchen sitzt und sich dreht und mal sieht der Ankommende Suchende im Fenster des Häuschens das Gesicht der jungen Frau, und mal das der Alten. Als meine SchönsteTochter geboren war, lag ich im Halbschlaf, erschöpft nach der Geburt und sah SIE(Die Göttin?Die MUTTER? Die BabaYaga?). Ihr altes zahnloses fast hässliches Gesicht, dann das Gesicht der liebevollen warmen Mutter und dann als junge neugierige Frau. Ich erinnere mich, daß ich dachte: Die Reihe wird fortgesetzt. Ich bin eine Tochter meiner Mutter, eine MutterTochter, die jetzt eine TochterMutter ist.
Klingt etwas wirr vielleicht. Aber, da ich ja quasi leiblich-mutterlos aufgewachsen bin, war das für mich ein Zeichen,dass nichts verloren ist. Dass die Reihe sich fortsetzt. Das sie nicht aufhört, die Liebe.

So. Das war jetzt mein Sommerblues.
Jetzt zur Sommerlaune: Es finden überall Feste statt. Strassenfeste, Altstadtfeste, Mittelalterfeste, Karneval der Kulturen, das Hohe Friedensfest. Lebensfeste. Da feier ich dann mal mit.

Bis bald , liebe Freundin, und lass dich nicht ärgern von Putzlumpen, Dübeln, Schrauben und Farbeimern. Wenn dein  Umzug geschafft ist, komm ich dich besuchen!
Deine K.

Von der eigenen Timeline

Liebe S.,

ich hab überlegt, ob das Thema, über das ich jetzt schrieben will, im Sommer überhaupt angesagt ist, eigentlich ist es ja ein Novemberthema. Es geht ums Sterben. Meine Facharbeit für den Palliativkurs ist fertig, und meine SchönsteTochter hat mir den Schlusssatz gegeben: Sterben und Tod ist immer noch nicht Teil unserer Gesellschaft. Vorgestern haben wir uns darüber unterhalten. Sehr interessante Thesen hat meine Lieblingssoziologin SchönsteTochter. Sie sagt zum Beispiel, das andere Kulturkreise viel selbstverständlicher mit dem Tod umgehen. In anderen Kulturen wird der Tod zelebriert, es gibt Klageweiber, es wird gerufen und laut geweint. Bei uns steht eine leise Todesanzeige in der Zeitung, auf Beerdigungen ist man bedrückt, erschrocken über sein eigenes mögliches Ende.
Woran liegt das?
Die SchönsteTochter sagte: Weil uns die Spiritualität fehlt, die Hoffnung, die Vorstellung, dass nach dem Tod etwas weiter geht.
Früher glaubte man an eine Belohnung. „Den Seligen ist das Himmelreich“.Oder?Sagt man so? Früher, als die Lebensumstände schlecht waren, als Krieg , Not und Hunger herrschten, da brauchten die Menschen Hoffnung, einen Glauben an das danach, damit sie das alles überstehen konnten, das Leben. Heute , wo es uns gut geht, wo wir keinen Hunger haben und kein Krieg am Horizont aufzieht, und wenn,dann betrifft der uns nicht, heute haben wir keinen wirklichen Bezug zum Sterben. Da erschrickt er uns, weil es jemanden in der Nachbarschaft traf, und kurz befassen wir uns damit selber, mit unserer eigenen Endlichkeit, aber nur kurz.
Früher hatte ich keine Angst. Da war ich mir sicher, das die , die gestorben sind, nicht weg sind.Früher dachte ich, wenn ich tot bin, dann bin ich ein Lichtfunkeln in einem nie-endenden Feuerwerk.
Jetzt fürchte ich mich davor. Ich möchte noch lange leben.Möchte niemals aufhören, den Tag zu begrüssen, meineSchönsteTochter in den Arm zu nehmen, meinem JüngstLiebstenSohn die Haare zu verwuscheln, möchte singen mit dem GrösstLiebstenSohn, möchte noch tanzen und reisen und leben.

Dann kam mir noch etwas in den Sinn: Dass wir älter werden, dass wir, die schon älter geworden sind, oft hadern mit dem Alter , und nicht akzeptieren wollen, das das Fleisch faltig wird, die Augen schwächer, die Spannung nachlässt und die Gelenkigkeit, können wir es nicht akzeptieren, weil da der Tod um die Ecke guckt? Und uns angrinst, und sagt: „Naaaa?Nimmer lang, gell“, und in hässliches Gelächter ausbricht?
Letzte Woche fand ich in einer Zeitschrift ein Bild von Madonna, sie ist 57 , wenn ich nicht irre, und dieses Bild mit der Kleidung, die sie da trug, war einfach nur scheusslich. 20160621_103600

Ich hab es gesehen und gedacht: warum macht sie das? Verleugnet sie ihr Älterwerden? Darf eine Frau so rumlaufen? (Klar, dachte ich dann, soll sie, wenn es ihr gefällt,aber ich finde es nicht hübsch.) Sicher kann man darüber diskutieren. Egal. Diese ganzen Promis in fortgeschrittenerem Alter betreiben Körperkult und stählen ihre Straffheit.

EmmaNormalFrau hat für sowas keine Zeit.EmmaNormalFrau muss akzeptieren , das sie nicht mehr knackig ist,  selbst wenn sie immer noch in die Klamotten ihrer pubertierenden Tochter passt. Wenn man sie von hinten sieht, dann kann man vielleicht denken :Wow! Wenn sie sich umdreht, sieht man ihr Alter. Von hinten Lyzeum, von vorne Museum, hat mal jemand gesagt.

Zu sich stehen, sich seiner Timeline bewusst sein, wie mein Lieblingsitaliener gerade sagt, das ist eine Kunst. Sich mögen mit all den Falten und den einfach nicht verschwinden-wollenden Speckrollen, so sehr frau sich auch anstrengt, die bleiben einfach da! Der eigenen Vergänglichkeit ins Auge blicken, seine eigene Spirtualität finden, seine eigenen Hoffnungen finden und  Möglichkeiten, und wenn der Tod dann mal wieder um die Ecke luurt und grinst und fies kichert, dann mach ich ihm ne lange Nase! Dann mach ich einen Purzelbaum und tanz ihm davon.

Nicht wahr? Das machen wir! Und fürchten ihn nicht.

Grüsse Kat.

Vom Weggehen

Liebe S.,

heute morgen las ich eine schöne Geschichte von Arabella, übers Weggehen. In den Kommentaren tauchte die Frage auf, warum in den Geschichten meist die Männer weggehen. Frauen scheinen zu bleiben, ausser bei Thelma und Louise, aber die mussten notgedrungen weg, wegen Gewalt.

Irgendwie beschäftigte mich das heute, die Sache mit dem Weggehen.

Ich war heute im Tierpark, mit einer Freundin. Menschen und Tiere beobachten. Wenn ich Zeit habe und Muße, liebe ich es, Menschen zu beobachten. Mütter mit ihren Kindern, Paare, frisch verliebt, der halbwüchsige Sohn führt den kleinen Hund an der Leine, sichtlich genervt von der Mutter und ihrem neuen Freund. Ein einsamer Mann geht vor uns. Am Hyänengehege fängt er an zu heulen. Die Tiere antworten ihm.

Im Terrarium dann eine Familie, bestehend aus einem älteren Mann im Rollstuhl, seiner Ehefrau und deren Tochter. Diese schob einen Zwillingskinderwagen. In dem Kinderwagen lagen zwei Buben, vielleicht 2 Jahre alt, schlafend. Es war warm im Terrarium. Die Frau des Mannes im Rollstuhl,  die Grossmutter der Zwillingsjungen, ich nenne sie Hilde, ist begeistert von den Waranen und Schlangen. „Schau!“, sagt Hilde zu ihrer Tochter,“ da oben auf den Ästen sitzen sie, die Baumpythons, sie sind gut getarnt, fast hätten wir sie nicht entdeckt, siehst du sie?Sie kringeln sich zusammen!“ Die Tochter guckt genervt. „Ich geh raus, den Kindern ist es zu heiss hier“, sagt sie.“Aber die schlafen doch“, sagt Hilde. „Nee“, ranzt die Tochter,, „ich geh raus, ich hasse diese Viecher“. „Oh“, macht Hilde.Sie wendet sich an den Mann im Rollstuhl. „Komm, Herbert,“, sagt sie, “ lass uns die Warane angucken, ich zeig dir, wo du sie am besten sehen kannst.“ Herbert rollt zu ihr und betrachtet brav die Warane. Hilde ist begeistert, und erklärt, wo die Warane leben und wo der Smaragdwaran zu sehen ist, dass das Männchen eine Krone hat, und dass der Steppenwaran da ganz versteckt unter dem Stein zu finden ist“Schau, Herbert!“.
….Ehrlich? Ohne Hilde hätte ich gedacht, das Terrarium sei leer.

Was aber macht Herbert? Herbert schimpft: „So langweilige Tiere, ich fahre auch raus“ und düst ab.Hilde ruft: „Warte, ich mach dir die Tür auf!“

Was aber wäre, wenn Hilde denkt: Was sind das für Pfeifen? Warum sehen die nicht, was mir wichtig ist? Warum hat von dieser lieben Familie keiner den Nerv, mir zu Liebe mal ein paar Minuten mit den Waranen zu verbringen?

Hilde hält Herbert nicht die Tür auf. Hilde wartet, bis er draussen ist, dann geht sie hocherhobenen Kopfes aus der Terrariumtür, an Herbert und der Tochter mit den schlafenden Zwillingen vorbei, nickt ihnen kurz zu, lächelt, und spaziert schnurstracks auf den Zooausgang zu.

Auf der anderen Strassenseite wartet der Bus zum Bahnhof . Welch ein Glück, denkt Hilde, denn sonst hätte ich es mir vielleicht anders überlegt.Sie steigt ein und zahlt ihr Ticket. Kurz überlegt sie, was sie jetzt mit dem Haustürschlüssel macht, aber die Tochter hat einen Ersatzschlüssel und sie sind sowieso mit dem Auto der Tochter gekommen.Am nächsten Morgen kommt der Pflegedienst zu Herbert, sie wird dort kurz anrufen und sagen, dass der Herbert in Zukunft auch Mittags und Abends einen Besuch braucht, zum Essen machen und ins Bett bringen.
Hilde wird jetzt zum Bahnhof fahren und in einen Zug steigen.
Kurz überlegt sie, zum Flughafen zu fahren, die Warane leben auch in Indonesien, da wollte sie schon lange mal hin. Aber da bräuchte sie einen Impfpass, und welche Sprache sprechen sie da? Das ist ihr jetzt zu kompliziert. Also wo will Hilde hin?
Als sie am Bahnhof ankommt, steht an Gleis 6 der Schnellzug nach Paris.Am Abend wäre sie in Paris, da war sie noch nie. Sie versteht zwar auch kein französisch, aber Paris, das wäre schön, denkt Hilde.
Sie bezahlt mit ihrer EC-Karte das Ticket. Das macht sie selten, denn Herbert möchte immer, dass sie bar bezahlt, dann hat er besser Kontrolle über ihre Ausgaben, sagt er. Herbert… kurz hat sie ein schlechtes Gewissen, aber nur ganz kurz. Der Pflegedienst ist gut, Herbert schäkert immer den jungen Pflegerinnen, da kann er sich jetzt austoben , denkt sie.

Und steigt in den Zug nach Paris.

Paris wäre schön, oder?

Liebe Grüsse Kat.

Meckerziegen

Liebe S.,

du bist keine Meckerziege, da gibt es ganz andere. Vielleicht später mehr zu solchen,dann verstehst du, warum du in meinen Augen ein ganz normaler Mensch bist.

Angst haben und sich in Sicherheit bringen zu wollen in Momenten der Bedrohung ist was ganz normales. Dass dir der Hauptbahnhof voll vorkommt und Angst macht- kann ich verstehen.Möglicherweise  wird diese Angst durch die Vorgänge in Europa gerade auch noch verstärkt, aber auch ich habe einen Widerwillen gegen diese Strömenden Menschenmassen, die was anderes wollen als ich. Denn wenn ich auf ein Konzert gehe als Beispiel,dann habe alle dasselbe Ziel, drum machen diese Menschen mir auf dem Weg dahin dann keine Sorgen.

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Ich hab im Leben irgendwann gemerkt, wenn ein Umstand mir reicht,und ich lange genug darüber  gemeckert oder geklagt habe(ich klage eher als das ich mecker), dann hab ich ihn geändert. Ich hab mein Leben neu sortiert, die Arbeit gewechselt, die Wohnung, den Wohnort oder den Partner, und bin dem gewünschten Zufriedenheitszustand immer näher gekommen. Pefekt ist er nicht, der Zufriedenheitszustand, aber wäre ja auch schlimm, denn dann hätte ich keine Ziele.

Und du tust doch auch was! Arbeitsamt, deine Reha(und dann hast du mich zu meiner Reha überredet, und seitdem geht es mir viel besser, ich wäre ohne dich nie auf die Idee gekommen soetwas zu machen). Du hast das Klassentreffen angeleiert, zudem wir dann nicht gegangen sind,weil wir diese ollen Schnarchgesichter von vor 30 Jahren doch nicht sehen wollten, und stattdessen hatten wir ein wunderschönes Wochenende an der Nordsee.

Ach ja, und man muss nicht immer aus Steinen was Schönes bauen. Ich nehme sie auch in die Hand und werfe sie auf das, was mich ärgert,(beim Gegentreten tut man sich vielleicht den Fuss verstauchen), und beim Steineschmeissen geht vielleicht was kaputt, aber wie war der Spontispruch vor 30 Jahren?

Mach kaputt was dich kaputt mach20151120_095653t!

Meine Lebensdevise in mancher Hinsicht.
Ich trink nicht nur Limonade aus den Zitronen, sondern ordentlich Tequila.Aber das hast du ja eh geschrieben.
Und weil ich gestern unters Bett gekrochen bin, um die Wollmäuse zu killen, fiel mir der Ordner aus der Krankenpflegeschule in die Hände. Mittlerweile beherbergt er andere Dinge als Notizen und Arbeitsblätter über Anatomie und Liliane Juchlis Pflegedingsda, aber was da drauf klebt seit 35 Jahren, will ich dir nicht vorenthalten.

In diesem Sinne!Positiv-nostalgische Grüsse! Deine K.

Anders orientieren?

Liebe S. wie Sonne, die sich hier so langsam vorsichtig zeigt um 14.00. Dabei soll laut Bayern 3 überall die Sonne scheinen heute, fragt sich nur wo!

Ich hab heute eine private Email von dir bekommen, und dazu möchte ich hier was sagen. Es ging um das berufliche Verändern, um Besuche im Arbeitsamt, um die Frage, wie lange können wir unseren Beruf als Krankenschwestern noch ausüben und was ist dann die Alternative?
Du arbeitest in einer Notaufnahme, ich auf einer Intensivstation. Wir arbeiten in diesem Beruf seit 30 Jahren. Mit wenigen Unterbrechungen, Kindern oder mal anderes Arbeiten. Im Grossen und Ganzen arbeiten wir gerne in diesem Beruf. Schichtdienst hat durchaus Vorteile, wenn ich frei habe, hab ich daheim meine Ruhe, weil alle anderen arbeiten oder in der Schule sind. Nachtdienst gefällt mir, es ist in der Regel ruhiger, ich behüte die Schlafenden.

Ich liebe es, Menschen zu begleiten,auf dem Weg zur Gesundung, oder auch auf dem Weg in die andere Richtung, und ihnen dabei Frieden und Wärme geben. Das mag ich.
Im Sommer allerdings hab ich eine grosse Müdigkeit gespürt, ich war erschöpft, ich hatte dann aber auch die Chance, mich zu regenerieren.

Jetzt kann ich weiter machen und ich tue es gerne. Aber tatsächlich ist die Frage, wie lange geht das noch?

Für mich hab ich festgestellt, um gut in meiner Arbeit zu sein, brauche ich ein stabiles geordnetes Zuhause.
Und wie du in deiner Email schreibst, Abgrenzungen. Auch nein sagen können, wenn ich merke, mich frisst irgendwas auf. Die Kollegen nerven, ich muss einspringen, der Dienstplan ist nicht so wie ich es gerne hätte.(Was bei uns gottlob nicht oft der Fall ist!) Oder auch zu Hause…wie viel Kraft es manchmal kostet, nein zu sagen! sich einen Raum zu schaffen, abzugrenzen…

Aber nötig ist es! Und was hätten wir für Alternativen? Was ganz anderes? Oder doch in dem Metier bleiben, und sich in kleinen Schritten weiter verändern? Deshalb mach ich den Palliativkurs nächstes Jahr.Als Möglichkeit, eine andere Richtung einschlagen können.

Mal gucken, welche Alternativen dir das Arbeitsamt anbietet, bin gespannt!
Allerdings hab ich es aufgegeben daran zu glauben das von der offiziellen Seite was konstruktives kommt, ich denke, ich bin mir selbst der nächste und muss die Inititaive ergreifen.
Sonst ward datt nix im Leben. In diesem Sinne K. wie konstruktiv! und nicht wie Kaos 😉