to stalk: belauern, pirschen, belästigen

Liebe S.,

es gibt seit Samstag ein neues Gesetz, ein Stalking-Gesetz.
Wird es etwas nützen? Gerade letzte Woche hat sich die Situation einer meiner jüngeren Bekanntinnen so zugespitzt, dass sie aus eben diesem Grund, gestalkt zu sein, ihre Lebensumstände ändern musste.
Es war so:
V., Mitte 20, ist vor 2 Monaten in eine neue kleine Wohnung gezogen. Alle Mieter der Wohnanlage schwärmen vom Hausmeister, ca 60 Jahre,er sei so hilfsbereit, man müsse ihm nur mal einen Kaffee hinstellen, dann würde er helfen, Regale anzubauen und Kabel anzuschliessen.
Er wohnt auf dem gleichen Flur wie V., direkt in der Wohnung nebenan. Wenn sie ihm begegnet, begrüsst sie ihn freundlich, wenn er sie was fragt, antwortet sie. Eines Tages stehen Blumen vor der Tür: „Ein lieber Gruss vom Hausmeister“.
Noch alles normal , oder? Sie freut sich vielleicht ein bisschen, denkt wie nett , und bedankt sich.
In der nächsten Woche, sie hat ihre Wohnungstür kurz aufgelassen, steht er  plötzlich in ihrer Küche und sagt: Hübsch hast du das hier, so richtig schön. Sie erinnert sich, dass die anderen Mieter zu ihr gesagt haben, er freut sich immer über einen Kaffee, aber sie hat keine Zeit, sie muss zur Arbeit und sagt ihm das auch.
Ja klar, sagt er und geht raus. Eine Woche später wieder Blumen vor der Tür, Rosen diesmal.Lieber Gruss vom Hausmeister für die hübsche V.. Jetzt findet sie das komisch. Sie sagt ihm, das sie das nicht möchte. Aber ich mag dich doch so gerne, sagt er. Sie fühlt sich peinlich berührt, er ist über 30 Jahre älter als sie,was will er von ihr?
Am Samstag trifft sie ihn auf dem Weg zum Sportstudio. Er sagt: Ich mache auch Sport. Hättest du nicht mal Lust mit mir zu laufen? Wir könnten joggen gehen.
Nein, sagt sie, ich mache Sport im Fitnesscenter X., das reicht mir.Ach, das kenne ich,sagt er, da könnte ich mich auch mal anmelden, dann könnten wir gemeinsam hingehen.
Sie fühlt sich wieder bedrängt, sie möchte das nicht. (Kann Frau das dann so sagen? Oder ist sie dann verkrampft und stellt sich an?)
Einige Tage später begegnet sie ihm im Hausflur, er fragt sie, wie es ihr geht, ob sie nicht mal einen  Kaffee trinken gehen möchte mit ihm oder zu ihm auf ein Bier kommen möchte.Sie sagt:NEIN.
Er schaut sie überrascht an  und sagt: Weisst du, ich kann mir selber nicht erklären, warum ich immer, wenn ich dich sehe, so Gefühle kriege, ich hab dann immer so wilde Gedanken, ich kann da gar nichts gegen machen.
Sie dreht sich um und geht schnell in ihre Wohnung und schliesst die Tür zweimal ab. Sie meint, ihn draussen atmen zu hören.Sie ist jetzt jedesmal ganz leise, wenn sie ihre Wohnung verlässt oder heimkommt, sie hat fast Angst ihm zu begegnen. Ihren Eltern erzählt sie davon- die sagen, ach, wird schon nicht so schlimm sein, er ist halt der Hausmeister.Sie spricht mit ihrem Freund darüber. Der geht eines Abends zur Wohnung des  Hausmeister, klingelt und sagt: Ich möchte nicht, dass sie meine Freundin weiter belästigen. Der Hausmeister wird laut, beleidigt den Freund, schreit durchs Haus, er weiss doch ganz genau das V. nebenan einen Puff aufgemacht hat, und er sei ein Freier und niemals ihr Freund!
An diesem Abend muss V. zur Arbeit in die Klinik. Als sie aus ihrem Parkplatz fahren will, steht der Hausmeister vor ihrem Auto und schreit und beschimpft sie als Schlampe und ihren Freund als W..xx.., und geht ihr nicht aus dem Weg.
V. hat Angst. Sie kurbelt das Autofenster ein wenig runter und sagt: Bitte, ich muss zur Arbeit. Da geht er aus dem Weg , aber schreit weiter „Du Schlampe“ hinter ihr her, und andere schlimme Wörter.
Es war Freitag. Wir hatten zusammen Dienst und sie hat uns ihre Geschichte erzählt.
Sie wollte am Montag bei der Hausverwaltung anrufen, um davon zu berichten. Aber es kam anders. Am Samstag wurde er wieder so ausfällig, das sie die Polizei rief, und zu ihrer Unterstützung eine Freundin und ihren Freund. Es dauerte bis die Polizei da war.Sie blieb in der Wohnung und ihre Freunde sagten dem Hausmeister, dass er aufhören solle, V. zu belästigen.Der Hausmeister schrie und tobte und sprach weiter von ihr als Schlampe, und dass er jetzt die Hausverwaltung anrufen würde und sagen würde, das sie einen Puff betreibe und ihn verleumden würde.
Als die Polizei kam, hat er wohl noch weiter getobt, aber irgendwann war er dann still.Andere Bewohner der Wohnanlage waren entsetzt, dass sie die Polizei geholt hat: Er ist schliesslich unser Hausmeister, der tut doch nichts! Der Polizist sprach mit V. und als sie ihm erzählte, das er einfach in ihre Wohnug kommt,wenn die Tür kurz auf ist, sagte der wohl: Warum lassen Sie auch die Tür auf, wenn Sie wissen, dass der so ist?

Und da geht bei mir die Hutschnur hoch, sie musste sich noch verteidigen, das sie ihm die Möglichkeit gibt, sie zu belästigen, weil sie sich falsch verhält! Wie oft lasse ich meine Tür auf, weil ich Einkäufe hochtrage oder Wäsche oder kurz mal in den Keller gehe! Du musst dich als Frau in solchen Fällen noch entschuldigen, dass du blond und womöglich jung  und hübsch bist: kein Wunder, das der auf komische Gedanken kommt!

Sie ist an diesem Wochenende nicht mehr in ihre Wohnung gegangen. Am Montag hat sie bei der Hausverwaltung angerufen. Die Hausverwaltungsdame sagte zu ihr, dass sie schliesslich den Hausmeister nicht so einfach entlassen können, aber sie , V., könne ohne Problem und ohne Kündigungsfrist aus dem Mietvertrag raus bis Ende des Monats.
Sie kann bei ihrem Freund wohnen. Es wird ein bisschen eng und sie wollte vielleicht noch nicht mit ihm zusammen leben, aber sie ist froh, das diese beängstigende Situation vorbei ist. Traurig ist sie, weil sie sich als Opfer fühlt und nicht ernstgenommen wird. Und das der , der sie sozusagen dazu gebracht hat, ihr Leben zu verändern, ungeschoren davon kommt.Sie weiss nicht, wo und ob sie Hilfe bekommen kann. Obwohl es ein neues Gesetz gibt, aber wann und wie wird das umgesetzt werden können?

Es gibt bestimmt schlimmere StalkingFälle, Anrufe, Briefe,körperliche Gewalt, aber allein die Situation, dass es dir als Frau unangenehm ist und du kannst nichts daran ändern, sondern die „Gesellschaft“, in dem Fall die anderen Mieter und der Polizist,oder auch die Hausverwaltung , die nicht zu deinen Gunsten handeln möchte,  geben dir einen Teil der Schuld daran, dass die Situation so gekommen ist, das macht mich wütend.Und hilflos.

Lang geschrieben wieder. Uff. Hast du auch so was ähnliches erlebt mal? Ich schon, seufz, vielleicht war ich deshalb so betroffen.
Danke fürs Lesen. 1093 Wörter, sagt WordPress.

Kat.

#stalking