Herbst V.

Liebe S.,
Schön, deine Herbstwortsammlung. Mir fielen dazu noch Stiefel ein, dicke Strumpfhosen und Röcke, Stulpen, selbst gestrickt und dicke Schals um den Hals und wie eine Kräuterfrau ohne Kiepe auf dem Rücken durch das gefallene Laub stapfen.

Herbst ist auch Abschied. Und dazu, man glaubt es kaum, auch Neubeginn. Die Pflanzen ziehen sich zurück, um wieder Kraft zu sammeln. Ich selber nehme Abschied gerade, innerlich, um neue Pläne reifen zu lassen.

Mein PalliativKurs geht heute zu Ende. 4 Wochen übers Jahr verteilt denselben Menschen  begegnet und beobachtet, wie es sich entwickelt, die Gruppendynamik.

Erste Kontaktaufnahme in der Winterkurswoche, skeptisches Beäugen, Zurückhaltung im Erzählen der eigenen Dinge.
Im Frühjahr waren wir locker, gespannt auf das , was kommen würde,aber jeder blieb bei seiner Gruppe, suchte wenig Kontakt zu denen, die man nicht kannte. Manch eine bleib fest auf dem im ersten Kurs sich ausgesuchten Stuhl kleben. Feste Muster geben Sicherheit.
Sommerkurswoche: Es wurde etwas lockerer, und es gab Geschichten, aufwühlende, lustige, die Sicherheitsfrauen sassen wieder auf denselben Plätzen.Sie kamen extra früh, damit sie sich ihren Stuhl sichern konnten.
Im Herbst jetzt die letzte Woche: Ein Gefühl von Bedauern, das es vorbei ist, sehr intensives Arbeiten an sich selbst, miteinander, allein, und immer das Gefühl: Das war es jetzt! Jetzt  müssen wir damit arbeiten. Jetzt gibt es keinen Kaffee und keine Brezeln mehr, es gibt die Geborgenheit der Gruppe und der Räumlichkeiten nicht mehr, schade….Die Seelenöffnungen in der letzten Kurswoche wurden mehr, es gab Geschichten, von denen ich denke: DAS will ich gar nicht wissen.

Und für mich? Ich besitze jetzt dann nachher das Zertifikat. Ich kann damit was anfangen. Arbeitsmässig.

Vielleicht wieder zurück in den Norden, wo man scheinbar, laut Jobbörse, wie wild PalliativCareFachkräfte sucht? Dann, wenn der JüngstLiebsteSohn aus dem Haus ist? Träume und Pläne und Fangseile sind das. Diese Gedanken.
Vorerst bleib ich sicher hier, und ich weiss auch, wo mein Platz ist, nämlich auf meiner Intensivstation und mit diesem Wissen, was ich gesammelt hab, kann ich etwas bewirken.Dort sein, wo es nötig ist, mit meiner Ausbildung. Ich denke, das ist das, was jetzt zählt.

Bedeutet, auf den Herbst gebracht: Zurück ziehen, reifen lassen, abwarten.
Was meinst du?

Und , liebe Leute, die jetzt aufschreien: „WAAAS? du willst weggehen?Das kannst du doch nicht machen!“ Nein,keine Sorge,  irgendwann mal, vielleicht, nicht jetzt. Ich brauch das, diese Träume.Das Leben ist ja noch lang. Kann noch viel passieren. Wer weiss…

Kat.

Vom Befreien

Liebe S.!
(Und  liebe Leserinnen, die ihr so viel Anteil an Hildes Geschichte nehmt.)
Schön wäre es, wenn Hilde auf dem Campingplatz am Atlantik einen Job in der Rezeption gefunden hätte, der Campingplatzbesitzer hätte sich in Hilde verliebt und sie hätte auf ewig täglich Spaziergänge am Strand machen können. Aber Hilde wollte ja heim.
Vielleicht nicht unbedingt zu ihrem Herbert, aber sie hat ja 2 Enkelkinder, die sie liebt und eine Tochter, die meistens ja auch nett ist und die sie ebenfalls liebt. Seine Kinder liebt man einfach, egal wie ekelhaft die ihre Mutter auch manchmal behandeln.
Hilde fuhr also wieder nach A. zurück, ihre Siebensachen passten in eine kleine Sporttasche, in den Ohren hatte sie immer noch das Rauschen des Meeres und um den Hals trug sie eine Muschel, die sie am letzten Tag gefunden hatte. Die Muschel hat ein Loch an ihrer engsten Stelle, und Hilde hat sie aufgefädelt auf ein dünnes Lederband, das sie im Souvenirschop gekauft hatte. Sie fühlte sich ein bisschen wie ein Hippie. Als sie am Abend in A. zu ihrem Haus kam, war alles dunkel, die Vorhänge zugezogen, das Wasser abgestellt, und nirgendwo ein Herbert zu finden. Ein klein bisschen schlechtes Gewissen hatte Hilde, weil sie erleichtert darüber war. Sie inspizierte  den Kleiderschrank, ein paar Kleidungsstücke von Herbert fehlten, also war er nicht gestorben, sondern vielleicht auch verreist, dachte sie.
Sie schlief gut in dieser Nacht.
Am nächsten Morgen fuhr Hilde zu ihrer Tochter.Sie klingelte , ein wenig zaghaft, an der Haustür. Die Tochter öffnete und als sie Hilde erkannte , brach sie in Tränen aus.
„Mama, ich bin so sauer gewesen erst auf dich und dann hatte ich Angst, das dir was passiert ist, aber auf den Kontoauszügen hab ich gesehen, dass du Geld abgehoben hast und wo du bist, aber warum bist du weggegangen , es war schrecklich, Papa war furchtbar, ach Mama, ich bin so froh ,dass du wieder da bist!“
„Schschsch, „, machte Hilde, “ jetzt bin ich ja wieder da. Und wo ist Papa?“. Da guckte die Tochter zornig. „Papa“, schnaubte sie, “ den hab ich in Kurzzeitpflege gesteckt, der Pflegedienst kam dreimal täglich und dreimal täglich hat er den Schwestern in den Hintern gekniffen und da haben die ihm kurzerhand den Vertrag gekündigt. Einmal am Tage sei tolerierbar, hat die Pflegedienstleitung gesagt, aber dreimal am Tag sei zuviel. Aber ich finde auch einmal am Tag ist zuviel, und dann hat er mit mir nur rumgenörgelt und gemeckert und da hab ich verstanden, warum du weggegangen bist, Mama!“
In Hilde machte sich ein zufriedenes Gefühl breit. „Mich hat er zuletzt vor 25 Jahren in den Po gekniffen, aber schön fand ich das auch nicht“,  sagte sie.

Heute hab ich Hilde im Zoo wieder getroffen, nicht bei den Waranen, sondern bei den Kattas.20160621_131318 20160621_131555Kattas sind kleine Baumaffen, mit langen Schwänzen, die im Zoo in A. ein Freigehege haben und weil es Menschen gibt, die sie am Schwanz ziehen oder mit Steinen versucht haben, sie von den Bäumen zu holen, hat der Zoo Mitarbeiter gesucht, die die Besucher und die Affen im Blick haben, die Türen zum Freigehege öffnen, und aufpassen, dass die Kattas nicht gefüttert werden.
Hier arbeitet Hilde 4 mal in der Woche. Sie liebt es, die Menschen zu beobachten und die Kinder , die über die Sprungkünste der kleinen Affen staunen, sie liebt es zu beobachten, wie die Affen miteinander umgehen.Keiner von ihnen ist alleine, diese Affen kuscheln gemeinsam und springen gemeinsam.
Manchmal kommt ihre Tochter mit den Enkeln vorbei. Die schlingen dann ihre runden Ärmchen um Hildes Nacken und schnaufen ihr in die Haare, dann ist Hilde glücklich. Herbert ist von der Kurzzeitpflege direkt in ein Pflegeheim gegangen, Hildes Schwiegersohn hat das Haus verkauft und Hilde lebt in einer kleinen Gartenwohnung nicht weit vom Zoo. 4 mal in der Woche besucht sie Herbert, sie erzählt ihm von ihrer Arbeit, sie schauen alte Fotos an oder sie fährt ihn im Park spazieren.
Gestern hat ein Zoobesucher, der regelmässig kommt, Hilde gefragt, ob sie mit ihm nächste Woche zum Tanztee gehen möchte. Hilde hat an ihre Muschelkette gefasst, kurz überlegt, und lächelnd gesagt:  Tanzen-ja, das  wäre mal wieder schön.

Kat.

Vom Meer und den Wellen

Liebe S.,

Erinnerst du dich an Hilde? Aus meinem Beitrag Vom Weggehen ?
Ich hab heute überlegt,was wohl aus ihr geworden ist? Vielleicht ist sie tatsächlich in Paris angekommen und hat sich am Gare de L`Ést  im Intercontihotel ein Zimmer genommen. Um eine kleine heimelige Pension zu suchen, reichen ihre Französischkenntnisse nicht aus.Sie hat sich 3 Tage durch die Stadt treiben lassen, mit dem Taxi konnte sie sich immer wieder ins Intercontihotel bringen lassen, das ist nicht schwer auszusprechen und jeder Pariser Taxifahrer kennt es. Aber nach 3 Tagen hat ihr der  Trubel der Grossstadt gereicht. Sie ist zum Bahnhof an den Reisebüroschalter gegangen.Irgendwie hatte sie Sehnsucht nach dem Meer.
Am Schalter sass ein junge Frau. Hilde fragte zaghaft: „Sprechen Sie ein bisschen Deutsch?“
Die junge Frau begann zu strahlen und sagte: „Ja, gerne, ich hab in der Schule Deutsch gelernt, wie kann ich Ihnen helfen? “
„Ich möchte ans Meer“, sagte Hilde.
„Davon haben wir hier genug“, antwortete die junge Frau und nach ein bisschen plaudern buchte Hilde eine Zugfahrt nach Nantes, ein kleines Mobilhome auf einem Campingplatz in der Nähe am Atlantik und einen kleinen Leihwagen. In 3 Stunden ging der Zug.Hilde kam sich sehr abenteuerlustig vor und überlegte, ob sie kurz zu Hause anrufen sollte. Ihr Handy hatte schon längst den Geist aufgegeben, sie hatte schliesslich kein Ladekabel dabei in ihrer Handtasche. „Was für ein Glück eigentlich“, dachte sie, „sonst hätten sie mich mit SMS bombardiert, und ich wäre sicher umgekehrt. Aber so mache ich mir ein paar schöne Tage am Meer.“
Der Campingplatz am Atlantik war ziemlich gross und es dauerte eine Weile, bis Hilde ihr Mobiles Heim für die nächsten 10 Tage gefunden hatte. Es lag in einem Pinienwäldchen, der Duft der Piniennadeln in der Abendsonne umfing Hilde. Dieser Geruch erinnerte sie an ihr Wohfühlölbad, aber jetzt in der Natur war er viel intensiver.Der Boden war weich und ihre Schritte federten leicht. In der Nähe hörte sie das Meer rauschen.
Sie ordnete ihre wenigen Kleidungsstücke, die sie sich in Paris gekauft hatte, in das kleine Regal hinter dem schmalen Bett, nahm ihr Handtuch und machte sich auf den Weg zum Meer.
Sie war überwältigt von der Weite des Strandes, der Weite des Himmels und des Wassers.

Die nächsten  Tage verliefen in einer Gleichmässigkeit und einer Ruhe, die Hilde so lange schon vermisst hatte. Morgens verzehrte sie im kleinen Campingplatzbistro ein Croissant und einen Milchcafe. Dann ging sie zum Meer.Sie ging den Strand entlang , erst eine Stunde die Unendlichkeit des Meeres zu ihrer Linken, dann eine Stunde zu ihrer Rechten. Sie beobachtete die Surfer in den Wellen, von denen sie zuerst gedacht hatte, es seien Pinguine, denn sie erkannte nur schwarze kleine Gestalten, die auf den Wellen tanzten.
Sie beobachtete die Familien, die unter Strandmuscheln lagen, sich sonnten, die Väter die  mit ihren Kindern Strandburgen bauten, die Mütter lagen in der Sonne, manche lasen.Sie beobachtete junge Leute, mit ihren Surfbrettern, die Bier tranken und lachten.
Ein kleiner blonder Junge stand im Wasser und spielte selbstvergessen mit einer Kokosnusschale, die auf den Wellen auf und ab tanzte.
„Wie einfach das Leben ist“, dachte Hilde.
Mittags ging Hilde in ein kleines Strandrestaurant und ass ein Baguette oder einen Teller Nudeln, dann ging sie zurück zum Campingplatz. Dort nahm sie den Duft der Pinien in sich auf, während sie in einem Liegestuhl lag und den Himmel und die Bäume betrachtete.

Am Abend machte sie sich erneut auf den Weg zum Meer.


Wenn sie glaubte, allein am Strand zu sein, stiess sie Schreie aus, gegen den Wind. Sie, die Hilde aus A., die immer leise und still alles ertragen hatte, schrie gegen den Wind.Wetterte und schimpfte.Jauchzte, sang und jubelte.  Erfand böse Wörter für alles, was sie geärgert und verletzt hatte. Dann lachte sie über sich selber. Und bückte sich nach Muscheln und Steinen und warf sie voller Kraft zurück ins Meer.
Von den Spaziergängen wurde ihre Haltung aufrechter, ihre Beine kräftiger und  ihr Herz weitete sich.
Sie liebte es, die Wellen zu beobachten, das ewige Auf und ab, das rhythmische Hin und Her.
Hilde spürte diesen Rhythmus in sich.
Sie spürte eine grosse Ruhe in sich und eine Kraft wuchs in ihr.

Hilde machte Pläne. Sie wusste jetzt, wie sie ihr Leben weiter leben würde.
Nach 10 Tagen war Hilde bereit, nach Hause zurückzukehren.

Kat.

Säbelzahntiger, Seeigel und veränderte Sichtweisen

Liebe S.,

die Vorstellung, dass der versteinerte Seeigel vom Säbelzahntiger angeschlappert wurde, gefällt mir sehr gut. Ja, wer sind wir, das wir uns so wichtig nehmen.Sandkörnchen im Weltenall.Ich dachte immer, ein Sandkorn, nein, ich will nicht nur ein Sandkorn sein, ich will doch was bedeuten! Dann kam irgendwann ein Lied auf, Sand im Getriebe sein, das gefiel mir sehr gut, diese Vorstellung, selbst wenn du ein winziges Sandkörnchen bist, aber du steckst an einer Stelle, wo das absolut nicht hinpasst, dann fängt das Getriebe ordentlich an zu knirschen und plötzlich ist es ausser Gefecht gesetzt, das Getriebe. (Dank google hab ich den Text zu diesem Lied wieder gefunden , haha, das war meine Prostestsong Zeit!).

So gesehen war auch der Seeigel Sand im Getriebe, denn der Säbelzahntiger hat ihn ausgespuckt, aber vielleicht, weil auch die Ursuppe versalzen war, wörx, igitt, und ist wütend von den dänischen Stränden geschlichen. Seitdem gibt es keine Säbelzahntiger mehr in Dänemark und die Wikinger konnten sich ausbreiten.

Und zum Thema Auflaufen lassen, mit deinem Kollegen, der alles hinwirft… klar ist manchmal der Wunsch da, einfach abzuhauen, weg zu gehen, alles stehen und liegen zu lassen, ihr könnt mich mal, mir doch egal,….aber das ist keine Lösung. Finde ich. Klar, wenn es reicht, muss man gehen. Egal wohin. Nur, meine Erfahrung: Eigentlich ist es woanders nicht viel anders.Irgendwie holt dich dieselbe Schiete immer wieder ein. Da hilft nur, seinen Blickwinkel zu ändern. Den Fokus anders zu machen. Ne andere Farbe drüber legen. Anders gewichten und bewerten.Irgendwie so.

Und über die Ewigkeit mag ich heute nicht nachdenken. Draussen ist es warm, ich hab heute nacht meinen Fuss angehauen, irgendwen wollte ich treten, jetzt humpel ich ein bisschen,aber bis nächste Woche ist es wieder gut. Dann geht es weiter!

Und schau,…manchmal hilft auch ne Glaskugel, die Sicht zu verändern. Schönen Tag! Kat.

Vom Weggehen

Liebe S.,

heute morgen las ich eine schöne Geschichte von Arabella, übers Weggehen. In den Kommentaren tauchte die Frage auf, warum in den Geschichten meist die Männer weggehen. Frauen scheinen zu bleiben, ausser bei Thelma und Louise, aber die mussten notgedrungen weg, wegen Gewalt.

Irgendwie beschäftigte mich das heute, die Sache mit dem Weggehen.

Ich war heute im Tierpark, mit einer Freundin. Menschen und Tiere beobachten. Wenn ich Zeit habe und Muße, liebe ich es, Menschen zu beobachten. Mütter mit ihren Kindern, Paare, frisch verliebt, der halbwüchsige Sohn führt den kleinen Hund an der Leine, sichtlich genervt von der Mutter und ihrem neuen Freund. Ein einsamer Mann geht vor uns. Am Hyänengehege fängt er an zu heulen. Die Tiere antworten ihm.

Im Terrarium dann eine Familie, bestehend aus einem älteren Mann im Rollstuhl, seiner Ehefrau und deren Tochter. Diese schob einen Zwillingskinderwagen. In dem Kinderwagen lagen zwei Buben, vielleicht 2 Jahre alt, schlafend. Es war warm im Terrarium. Die Frau des Mannes im Rollstuhl,  die Grossmutter der Zwillingsjungen, ich nenne sie Hilde, ist begeistert von den Waranen und Schlangen. „Schau!“, sagt Hilde zu ihrer Tochter,“ da oben auf den Ästen sitzen sie, die Baumpythons, sie sind gut getarnt, fast hätten wir sie nicht entdeckt, siehst du sie?Sie kringeln sich zusammen!“ Die Tochter guckt genervt. „Ich geh raus, den Kindern ist es zu heiss hier“, sagt sie.“Aber die schlafen doch“, sagt Hilde. „Nee“, ranzt die Tochter,, „ich geh raus, ich hasse diese Viecher“. „Oh“, macht Hilde.Sie wendet sich an den Mann im Rollstuhl. „Komm, Herbert,“, sagt sie, “ lass uns die Warane angucken, ich zeig dir, wo du sie am besten sehen kannst.“ Herbert rollt zu ihr und betrachtet brav die Warane. Hilde ist begeistert, und erklärt, wo die Warane leben und wo der Smaragdwaran zu sehen ist, dass das Männchen eine Krone hat, und dass der Steppenwaran da ganz versteckt unter dem Stein zu finden ist“Schau, Herbert!“.
….Ehrlich? Ohne Hilde hätte ich gedacht, das Terrarium sei leer.

Was aber macht Herbert? Herbert schimpft: „So langweilige Tiere, ich fahre auch raus“ und düst ab.Hilde ruft: „Warte, ich mach dir die Tür auf!“

Was aber wäre, wenn Hilde denkt: Was sind das für Pfeifen? Warum sehen die nicht, was mir wichtig ist? Warum hat von dieser lieben Familie keiner den Nerv, mir zu Liebe mal ein paar Minuten mit den Waranen zu verbringen?

Hilde hält Herbert nicht die Tür auf. Hilde wartet, bis er draussen ist, dann geht sie hocherhobenen Kopfes aus der Terrariumtür, an Herbert und der Tochter mit den schlafenden Zwillingen vorbei, nickt ihnen kurz zu, lächelt, und spaziert schnurstracks auf den Zooausgang zu.

Auf der anderen Strassenseite wartet der Bus zum Bahnhof . Welch ein Glück, denkt Hilde, denn sonst hätte ich es mir vielleicht anders überlegt.Sie steigt ein und zahlt ihr Ticket. Kurz überlegt sie, was sie jetzt mit dem Haustürschlüssel macht, aber die Tochter hat einen Ersatzschlüssel und sie sind sowieso mit dem Auto der Tochter gekommen.Am nächsten Morgen kommt der Pflegedienst zu Herbert, sie wird dort kurz anrufen und sagen, dass der Herbert in Zukunft auch Mittags und Abends einen Besuch braucht, zum Essen machen und ins Bett bringen.
Hilde wird jetzt zum Bahnhof fahren und in einen Zug steigen.
Kurz überlegt sie, zum Flughafen zu fahren, die Warane leben auch in Indonesien, da wollte sie schon lange mal hin. Aber da bräuchte sie einen Impfpass, und welche Sprache sprechen sie da? Das ist ihr jetzt zu kompliziert. Also wo will Hilde hin?
Als sie am Bahnhof ankommt, steht an Gleis 6 der Schnellzug nach Paris.Am Abend wäre sie in Paris, da war sie noch nie. Sie versteht zwar auch kein französisch, aber Paris, das wäre schön, denkt Hilde.
Sie bezahlt mit ihrer EC-Karte das Ticket. Das macht sie selten, denn Herbert möchte immer, dass sie bar bezahlt, dann hat er besser Kontrolle über ihre Ausgaben, sagt er. Herbert… kurz hat sie ein schlechtes Gewissen, aber nur ganz kurz. Der Pflegedienst ist gut, Herbert schäkert immer den jungen Pflegerinnen, da kann er sich jetzt austoben , denkt sie.

Und steigt in den Zug nach Paris.

Paris wäre schön, oder?

Liebe Grüsse Kat.

Bittersweet Symphony

Liebe S.!
Familienausflüge an schöne Orte machen Spass,Sonntagsnachmittagsspaziergänge,  plaudernd läuft man über Wege, man lacht miteinander,  man spricht miteinander. Das ist schön. Aber heute war mir der Sinn nach Alleinsein. Allein ein Ziel anstreben, nicht nur einfach mal ne Runde durch den Wald laufen, sondern an einen besonderen Ort fahren. Einen Ausflug machen. So bin ich dann in den Botanischen Garten gefahren.

Schonwie mich die Kassierin angelächelt hat, hat mich fröhlicher gemacht. Ich bin nämlich im Moment sehr erschöpft und müde.
Erst hab ich mir im Biergarten eine Bratwurst gegönnt.
Eine Gruppe älterer Damen war ebenfalls dort, sie haben dort zu Mittag gegessen, und sich darüber unterhalten wie sie Kartoffelpuffer zubereiten.Die eine isst Kartoffelpuffer am liebsten mit Remoulade, die andere mit Apfelmus. Sie bestellten sich ihre Currywurst, ihre Kartoffelpuffer und ihre Sauerkrautwürstel und unterhielten sich.Gerti und Traudi und die Erika, und sie haben laut gelacht dabei.
Das fand ich schön. Ich fand es schön, ihnen zuzuhören und zu sehen wie sie aufeinander achten.
Später kamen die Gärtner und assen ebenfalls zu Mittag, auf Personalkasse.
Ich hab überlegt, ob ich vielleicht Gärtnerin  werden sollte.Mit  der Erde arbeiten, mit den Pflanzen, später zu sehen, was meine Arbeit bewirkt hat, wie alles blüht. Das macht vielleicht nicht so traurig(Typische klimakterische depressive Verstimmungsattacke gerade, würde ich sagen, seufz….)
Zum Abschluss hab ich mir noch Eis gekauft, wenn schon denn schon.
Ich setzte mich damit  in eine Pergola, die ganz überwachsen war mit Geissblatt , und hab den Hummeln beim Summen zugehört.
Später bin ich dann  ganz entspannt über  die Wege gegangen, hab den Rosen beim Blühen zugeschaut, dem Wasser im japanischen Garten beim Fliessen, und den Karpfen im Teich  beim Luftschnappen.
Jetzt, zu Hause, habe ich bittersüsses Gelee gekocht, aus Limonen und Pfefferminz, ich bring dir ein Glas mit, im September, wenn ich dich besuche,  und gerade denk ich, bittersweet ist meine Stimmung. Herrje.
Draussen jagen die Wolken über den Himmel, die Äste schleudern hin und her an den Stämmen, aber ich hab schöne Bilder gemacht.Im Botanischen Garten.
Schau:

Morgen ist alles wieder richtig gut.Heute hab ich ja schon damit angefangen. 😉
Deine K.

Frauenraum

Liebe S.,

brauchen wir Frauen mehr Solidarität untereinander und Freiraum? Ich hab gerade einen wunderschönen Abend mit meiner Freundin verbracht, mein bärtiger Mitbewohner ist heute nicht da. Als ich ihm erzählte, dass C. heute kommt, sagte er :Schade, ich bin heute abend nicht da. Ich antwortete: Es ist Absicht, denn ich möchte mit ihr alleine sein.
Denn letztes Mal war er anwesend, und so lieb ich ihn habe, er hat gestört. Da wünsche ich mir manchmal ein eigenes Zimmer, ein eigenes Reich.
Jedenfalls hatten wir tiefgehende  Themen, die wir heute am Wickel hatten und es war so vieles dabei, worüber ich mit dir auch rede.
Um unsere Findung, wie es denn mit Anfang 50 weiter geht. Die Aussage: wenn der jüngste aus dem Haus ist in 3 Jahren, dann lebe ich mein Leben neu.
Der Wunsch nach Veränderung, noch mal wieder lebendig sein. Wer findet mich noch attraktiv? Männer unseres Alters gucken nach jüngeren mit Klimpernwimpern und fangen an zu posen, wenn eine 25 jährige sie anhimmelt. Oder ist das unser Neid? Dass wir diese Klimperwimpern nicht mehr haben?
Was haben wir erreicht, was fehlt noch? Was kommt noch?

Ich für mein Teil bin ja glücklich und hab noch einiges vor. Wie geht es anderen Frauen? Ich hatte die Idee einer regelmässigen Gruppe von Frauen in unserem Alter, die sich treffen , zum Austausch und zum Lachen.

Vor einigen Jahren habe ich eine Frauengruppe geleitet, das waren Mütter, die bei mir in einer Eltern-Kind-Gruppe waren. Nachdem die Kinder im Kindergarten waren, entstand daraus eine Frauengruppe. Das hat mir so gefallen und war so schön. Es war da eine starke Verbundenheit, eine grosse Nähe, privat haben wir uns nicht getroffen- immer nur in diesem offiziellen Rahmen.
Und das Konzept dieser Gruppe hatte einen Namen:“ Frauen gehen ihren Weg.“ Ein Witzbold hat in den Flyer, der in der Pfarrei hing , das Wort Männern eingefügt. „Frauen gehen ihren Männern Weg. “ Wahrscheinlich selbst ein Mann.
Als ich dann hierher nach A. zog, bin ich zur hiesigen Pfarrei gegangen, und hab gefragt, ob es möglich ist, auch hier so ein Gruppe aufzuziehen. zur Antwort bekam ich :“Naaa, des brach ma do net, mir ham hier die Strickgruppe (rrrollendes Rrr) und an Fraunverein, der sich do um die Weihnachtsbasare kimmern dued. “
Tja, das ist bayrisch-schwäbische Provinz.

Im Orient gibt es diese geschützten Frauenräume, den Harem, in meiner romantischen Vorstellung bietet er Schutz vor den Männern und ermöglicht den Frauen eine eigene Freiheit zu Sein.

Möglicherweise ist diese Vorstellung  falsch. Aber weil ich eigentlich einen Beitrag über Kardamon, Koriander, Zimt, Nelken und  Vanille und die Gastfreundschaft in Beirut schreiben wollte, passt der Harem jetzt als Vorstellung dazu. Und rundet das ab.

Gastfreundschaft in Beirut und ein opulentes Essen… das schreib ich wann anders.

Einen schönen 2. Advent!
K.

 

Liebe K.,

ich glaube nicht , dass wir Frauenräume brauchen… reiss mir jetzt bitte nicht den Kopf ab..was du dir vorstellst gibt unsere Kultur nicht her, glaube ich.. Auf mich wirkt Frauenraum hier als ausgrenzend… ausgrenzend für Männer.Ganz einfach, weil Männer auch keine Männerräume haben.. Fussball u.a oder Kneipenbesuche zählen da nicht mit für mich. Frauen haben sich, 68ger und Frauenbewegung sei dank einiges an Raum (zu-)rückerobert. Das ist gut so ! Selbstbewusste junge Frauen heute , sind toll im Umgang ! Es freut mich immer wieder, wenn ich bei der Arbeit oder auch sonst mit ihnen zu tun habe. Ich muss mit mir so manches Mal kämpfen, wenn ich etwas sage. Bei denen , die ich gerade vor Augen habe, geht das ganz selbstverständlich… da ist gar nicht die Frage.. auch nicht im Ansatz !  Oh… wenn ich das jetzt sage, dann mögen die mich nicht mehr… dann hat “ Papi“ mich nicht mehr gern…  sondern Zack ! Raus damit, selbstverständlich wird für sich eingestanden ! Auch vor sogenannten Autoritäten wird nicht gekniffen… o.k. das tu ich auch nicht 🙂  Viele Männer wissen heute gar nicht , wie sie denn sein sollen/wollen.. ich meine die in unserem Alter… Keine Vorbilder, hat mal einer zu mir gesagt.. es sei schwierig… an wem oder was orientieren… an den Ansprüchen und Bedürfnissen der Frau oder Freundin ? An sich selbst ? Manche Frauen probieren immer noch an „ihren“ Männern herumzuschrauben und umgekehrt wird auch gern“geschraubt“. Reichen wir denn nicht mehr aus so wie wir heute sind ? Ist es denn nicht schon schwierig genug ? Erfinde dich täglich neu ??? Wir gehören zu der Generation die sich mit ihrer Selbstverwirklichung befasst. Etwas , dass für die Elterngeneration merkwürdig und ichbezogen daherkommt. Wo bleibt das grosse Ganze hat meine Mutter immer gesagt… O.K. wir beide, liebe K. sind davon natürlich ausgeschlossen 😉  wegen unseres Berufes !  Wir tun schon genug für die Allgemeinheit… oder ?!

Frauenraum könnte doch bei jeder anfangen… das frau einfach keine blöden Bemerkungen über andere Frauen macht. Auch nicht das Äussere bewertet oder kommentiert. Einfach die Vielfältigkeit und Buntheit des Lebens respektiert. Hallelujah !Davon bin ich soweit entfernt wie der Frosch vom Fliegen… dabei hilft mir die eigene Boshaftigkeit nur vor eigenen Verletzungen… Wenn ich jetzt z.B. nicht mehr über andere Frauen fiese Sachen sage, heisst das ja noch lange nicht, dass sie das dann mir gegenüber auch nicht tun. Oder ?!  Soviel zum Selbstbewusstsein einer Anfang 50jährigen.. 😦

Wie wärs mit Resepekt ? Damit werde ich heute mal in den Tag gehen..

S. nachdenklich

 

 

 

 

 

Anders orientieren?

Liebe S. wie Sonne, die sich hier so langsam vorsichtig zeigt um 14.00. Dabei soll laut Bayern 3 überall die Sonne scheinen heute, fragt sich nur wo!

Ich hab heute eine private Email von dir bekommen, und dazu möchte ich hier was sagen. Es ging um das berufliche Verändern, um Besuche im Arbeitsamt, um die Frage, wie lange können wir unseren Beruf als Krankenschwestern noch ausüben und was ist dann die Alternative?
Du arbeitest in einer Notaufnahme, ich auf einer Intensivstation. Wir arbeiten in diesem Beruf seit 30 Jahren. Mit wenigen Unterbrechungen, Kindern oder mal anderes Arbeiten. Im Grossen und Ganzen arbeiten wir gerne in diesem Beruf. Schichtdienst hat durchaus Vorteile, wenn ich frei habe, hab ich daheim meine Ruhe, weil alle anderen arbeiten oder in der Schule sind. Nachtdienst gefällt mir, es ist in der Regel ruhiger, ich behüte die Schlafenden.

Ich liebe es, Menschen zu begleiten,auf dem Weg zur Gesundung, oder auch auf dem Weg in die andere Richtung, und ihnen dabei Frieden und Wärme geben. Das mag ich.
Im Sommer allerdings hab ich eine grosse Müdigkeit gespürt, ich war erschöpft, ich hatte dann aber auch die Chance, mich zu regenerieren.

Jetzt kann ich weiter machen und ich tue es gerne. Aber tatsächlich ist die Frage, wie lange geht das noch?

Für mich hab ich festgestellt, um gut in meiner Arbeit zu sein, brauche ich ein stabiles geordnetes Zuhause.
Und wie du in deiner Email schreibst, Abgrenzungen. Auch nein sagen können, wenn ich merke, mich frisst irgendwas auf. Die Kollegen nerven, ich muss einspringen, der Dienstplan ist nicht so wie ich es gerne hätte.(Was bei uns gottlob nicht oft der Fall ist!) Oder auch zu Hause…wie viel Kraft es manchmal kostet, nein zu sagen! sich einen Raum zu schaffen, abzugrenzen…

Aber nötig ist es! Und was hätten wir für Alternativen? Was ganz anderes? Oder doch in dem Metier bleiben, und sich in kleinen Schritten weiter verändern? Deshalb mach ich den Palliativkurs nächstes Jahr.Als Möglichkeit, eine andere Richtung einschlagen können.

Mal gucken, welche Alternativen dir das Arbeitsamt anbietet, bin gespannt!
Allerdings hab ich es aufgegeben daran zu glauben das von der offiziellen Seite was konstruktives kommt, ich denke, ich bin mir selbst der nächste und muss die Inititaive ergreifen.
Sonst ward datt nix im Leben. In diesem Sinne K. wie konstruktiv! und nicht wie Kaos 😉