Niemand verlässt ohne Not sein weites Feld….

Liebe S.,
ich musste überlegen, wo du aufgewachsen bist? Dass du in den siebzigern schon so multikulturelle Erfahrungen gemacht hast.
Ich bin, wie gesagt, in einer Stadt aufgewachsen, wo die Menschen genug mit ihrer eigenen Fluchtgeschichte oder Emigration zu tun hatten, die meisten waren aus dem Osten, wenn ich mich richtig erinnere, und es gab einfach keine Italiener, Griechen oder anderes. Das einzige, was ich über Italiener wusste, waren die Geschichten über diese „Italienerkinder!“ von meiner Tante, die Grundschullehrerin in Wolfsburg war.
Fremde waren mir fremd. Fremde mit einer anderen Hautfarbe besonders. Als ich dann diese Stadt verlassen habe, gab es „Sie“ trotzdem nicht, in anderen Städten, oder sie sind mir nicht aufgefallen? Ich hatte keinen Kontakt.
Anfang der Achtziger hat dann in meiner Heimatstadt der „Chinese“ aufgemacht, und die chinesische Familie wurde beäugt, sie sahen „komisch“ aus. Sie lächelten so übertrieben. Das Essen war gut. Bisschen fremd, aber okay….

Dann gab es , Anfang der Achtziger, in unserer Strasse, gegenüber der Kläranlage, eine Unterkunft für Menschen mit dunkler Hautfarbe.
„Pass bloss auf, geh da schnell vorbei, wer weiss, was die sind!“ wurde gewispert. Meine  Schwester ist aber einmal stehen geblieben und hat mit einem dieser Menschen gesprochen. Es war verboten, mit ihnen zu sprechen.“Sowas tut man nicht!“
Aber sie hat es getan, und nicht nur einmal. Durch den Zaun, sie auf der Strasse, dieser Mensch hinter dem Zaun.Sie hat teilgenommen an seiner Geschichte. Ich erinner mich, das es Tratsch gab, was sie da tut, denn „man hat sie gesehen, wie sie mit denen da spricht!“
Deshalb , als ich deinen Beitrag gelesen habe, hab ich dich beneidet, das du so früh schon die Möglichkeit hattest, mit anderen bunten Menschen in Berührung zu kommen.
Ich bin ihnen bewusst erst begegnet, als ich in der Grossstadt lebte und im Kindergarten meiner Kinder die Vassilys spielten, die Dimitris, die Blanches, die Hatices, die Mohammeds. Und ich mit deren Müttern in der Theatergruppe und im Elternbeirat war.
Als der Krieg in Ruanda gewesen ist, haben wir Hamadi und Salama kennengelernt, ihre Kinder waren so alt wie unsere. Wir haben gemeinsam Weihnachten gefeiert, wir haben einander besucht, und von denen beiden habe ich gelernt: Niemand verlässt seine Heimat ohne Not. Soviel Heimweh wie bei Salama hab ich noch bei niemandem gesehen. Sie haben damals Deutschland verlassen, obwohl der Krieg in Ruanda noch nicht vorbei war. Ich weiss nicht, was aus ihnen geworden ist. Ich hoffe sehr, das es ihnen gut geht.

Ja, es ist ein weites Feld, dieses Thema….
Ich wünsche dir einen schönen Sonntag!

Kat.

Meckerziegen

Liebe S.,

du bist keine Meckerziege, da gibt es ganz andere. Vielleicht später mehr zu solchen,dann verstehst du, warum du in meinen Augen ein ganz normaler Mensch bist.

Angst haben und sich in Sicherheit bringen zu wollen in Momenten der Bedrohung ist was ganz normales. Dass dir der Hauptbahnhof voll vorkommt und Angst macht- kann ich verstehen.Möglicherweise  wird diese Angst durch die Vorgänge in Europa gerade auch noch verstärkt, aber auch ich habe einen Widerwillen gegen diese Strömenden Menschenmassen, die was anderes wollen als ich. Denn wenn ich auf ein Konzert gehe als Beispiel,dann habe alle dasselbe Ziel, drum machen diese Menschen mir auf dem Weg dahin dann keine Sorgen.

20151120_101915
Ich hab im Leben irgendwann gemerkt, wenn ein Umstand mir reicht,und ich lange genug darüber  gemeckert oder geklagt habe(ich klage eher als das ich mecker), dann hab ich ihn geändert. Ich hab mein Leben neu sortiert, die Arbeit gewechselt, die Wohnung, den Wohnort oder den Partner, und bin dem gewünschten Zufriedenheitszustand immer näher gekommen. Pefekt ist er nicht, der Zufriedenheitszustand, aber wäre ja auch schlimm, denn dann hätte ich keine Ziele.

Und du tust doch auch was! Arbeitsamt, deine Reha(und dann hast du mich zu meiner Reha überredet, und seitdem geht es mir viel besser, ich wäre ohne dich nie auf die Idee gekommen soetwas zu machen). Du hast das Klassentreffen angeleiert, zudem wir dann nicht gegangen sind,weil wir diese ollen Schnarchgesichter von vor 30 Jahren doch nicht sehen wollten, und stattdessen hatten wir ein wunderschönes Wochenende an der Nordsee.

Ach ja, und man muss nicht immer aus Steinen was Schönes bauen. Ich nehme sie auch in die Hand und werfe sie auf das, was mich ärgert,(beim Gegentreten tut man sich vielleicht den Fuss verstauchen), und beim Steineschmeissen geht vielleicht was kaputt, aber wie war der Spontispruch vor 30 Jahren?

Mach kaputt was dich kaputt mach20151120_095653t!

Meine Lebensdevise in mancher Hinsicht.
Ich trink nicht nur Limonade aus den Zitronen, sondern ordentlich Tequila.Aber das hast du ja eh geschrieben.
Und weil ich gestern unters Bett gekrochen bin, um die Wollmäuse zu killen, fiel mir der Ordner aus der Krankenpflegeschule in die Hände. Mittlerweile beherbergt er andere Dinge als Notizen und Arbeitsblätter über Anatomie und Liliane Juchlis Pflegedingsda, aber was da drauf klebt seit 35 Jahren, will ich dir nicht vorenthalten.

In diesem Sinne!Positiv-nostalgische Grüsse! Deine K.