Herbst III.-die dunkle Seite des Herbstes

Liebe S.,

Zuerst möchte ich ganz kurz zu deinem Rosa-Thema noch was sagen: Irgendwie ist es eine Mutter-Tochter -Geschichte, scheint mir. Ich hab, weil es ist ja Herbst und Vorlesezeit, ein Buch gekauft, das heisst :Märchen von Müttern und Töchtern zum Vorlesen. Und da sind die Mütter mit den Töchtern ganz oft in Konkurrenz, sie verkaufen ihre Töchter an Zauberinnen, damit sie die Chance auf einen Sohn haben, der dann König wird, sie verleugnen ihre Töchter, weil sie auf der einen Seite Angst um sie haben, auf der anderen Seite eine Konkurrenz in ihnen sehen. In dem einen Märchen, welches sehr skurril ist, es heisst:“Der Ritter der Herbstzeitlosen“, werden die verschenkten Töchter, die durch den Mondbogen geschickt werden, damit sie aus dem Weg sind,zu Herbstzeitlosen, die dann irgendwann die Krone des silbernen Ritters schmücken und die Mütter schmerzlich an die verlorenen Töchter erinnern. Ich hab es nicht ganz kapiert, dieses Märchen. Aber daran dachte ich, als ich das mit dem Rosa las, und dass das Rosa für deine Mutter reserviert war.
Ja, erobere es dir zurück – ich denke , es ist auch nur ein Sinnbild für eine gewisse Art der Emanzipation, die du dir gönnst.

Jetzt sind schon ein paar mehr Blätter vom Baum gefallen, als am Anfang der Woche, das geht so schnell.
Heute war ich in einem Stadtteil unterwegs, in dem sehr viele Menschen wohnen, die nicht sehr viel Geld haben. Die arm sind.Ich hatte beklemmende Gefühle, als ich sie sah, diese Menschen,die frühmorgens einsam in den Kneipen sitzen, die Frau , die ihre gebrechliche alte Mutter über die Strasse führt, der kranke Obdachlose, der an der Ampel Leute anspricht. Es gibt so Orte, an denen ist die Armut gehäuft. Da ist sie sichtbar. Wenn ich in der Innenstadt unterwegs, fällt sie nicht auf, die Armut. In Stadtteilen, die schon lange den weniger verdienenden Menschen vorbehalten sind, ist sie greifbar.Und wenn dann noch der Himmel Wolken verhangen ist, wenn das Licht trübsinnig macht, dann ist mir die Baufälligkeit, die Armseligkeit,  um so bewusster.  Wenn die Bäume nackt und ohne Blätter sind, ermöglicht der Herbst einen schutzlosen Blick in die Vorgärten, die Hinterhöfe, in die Fenster.
Das zu meiner heutigen Herbstmelancholie.

Lieben Gruss, Kat.

Aber sonst war heute ein toller Tag! (Vielleicht seh ich durch meine Brille auch einfach nur schärfer? Wer weiss!)