Sommerfrische Landpartie

Liebe S., jetzt hast du das meiste von deinem Umzug geschafft, hoffe ich, und das neue Heim wird allmählich gemütlicher?
Ich hatte eine wunderschönes Wochenende, wieder ein Jahr älter geworden, seufz, das hört einfach nicht auf, aber ich hatte Gäste, und dann blieben alle Kinder mit ihren liebsten Menschen da und wir hatten mit diesem schönen Wetter das ,was man früher Sommerfrische nannte. Dieses Wort, find ich,  sagt viel aus. Und sie haben mir ein wunderbares Geschenk gemacht. Einen Sonnenschirm , und der wurde gestern nachmittag in Gemeinschaftsarbeit unter dem Thema FantasyWelt bemalt. Es gibt ein dickes rosafarbenes Einhorn, das einen Regenbogen spuckt(der JüngstliebsteSohn nannte ein anderes Wort, das ich jetzt hier nicht benenne), es gibt einen sehr hübschen Unhold, der ein bisschen Ähnlichkeit mit einem bayrischen Yoda hat, den Baum Yggdrasil, eine Meerjungfrau auf einem Stein, einen Drachen und eine bunte Libelle.DSC_0360(1)Ich sass derweil auf einem Liegestuhl und beobachtete meine erwachsene Brut,wie sie einträchtig ein Kunstwerk erschufen. Und mein Herz war ganz gross und ganz warm vor lauter Liebe.
Natürlich war das Wochenende überschattet von den Ereignissen, die uns das Weltgeschehen so aufdrückt, aber nützt es was, wenn ich traurig , grübelnd, erschrocken und betroffen den Tag verbringe? Andere Länder haben mehr Erfahrung mit Terror und Angst, und weiss du, was die Menschen dort oft tun? Sie feiern das Leben. So hat es meine SchönsteTochter vom Libanon berichtet. Ich dachte erst, oh, das kann man doch nicht! Man muss doch trauern, betroffen sein, dagegen angehen, aber das nützt niemandem. Und so haben wir eben auch das Leben gefeiert gestern, wir haben gefeiert, das wir uns haben, das wir zusammen sind, das wir diese kostbare Zeit miteinander verbingen können.

Und wenn ich in den nächsten Sommern diesen Sonnenschirm aufspanne, dann denk ich an diesen wunderbaren Sommerfrische-Landpartie-Gartentag mit meiner Familie. Egal, wohin es den oder die einzelne dann hingetrieben  hat auf dieser Welt.

Liebe Grüsse Kat.

Neujahrsnachtdienstgeprägte Sentimentalitäten

Liebe S.,

jetzt hat das neue Jahr begonnen, wie war dein Sylvester? Irgendwelche Pläne für 2016?
Ich hab gearbeitet in der Nacht-Sylvester muss ich nicht unbedingt haben als Feierei,und so hab ich mit netten Kollegen Nachtdienst gemacht. Wir hattten andere Verletzungen als sonst zu versorgen, ein Suizidversuch, ein durchgeschossenes Auge,(Knallkörperverletzung).. mich lässt das immer nicht kalt, ich hab mir den betroffenen Menschen angeschaut und hab gedacht, wie schnell das geht, das sich dein Leben auf den Kopf stellt. Manchmal macht mir das Angst.
Und dann gingen meine Gedanken weiter, an all die Menschen, die kriegsbedingt ebenfalls solche und noch schlimmere Verletzungen erleiden müssen.2015 hab ich viel davon mitbekommen….
….weil meine Tochter seit Oktober in einem dieser Krisengebiete weilt, richte ich meinen Fokus natürlich besonders darauf.
Ich habe am Mittwoch eine DOKU in meiner Mediathek gesehen, Betlehem 2015 , und ich war so berührt davon. Ich hab nicht gewusst, das Betlehem so ist, von einer Mauer umgeben. Ich hab , als ich die Doku sah, gedacht, warum wissen wir das alles so nicht? Wir feiern Weihnachten und reden von Betlehem, aber wie es dort wirklich ist, wer weiss das denn? Das Betlehem von dieser Mauer umgeben ist, die sie immer höher bauen,warum müssen Menschen denn so etwas tun? Die Geschichten, die mein Kind aus Israel und Palästina erzählt, erinnnern mich so oft an die damalige Deutsch-Deutsch-Grenze, an die Willkür der Grenzbeamten, wenn wir unsere Verwandten im Osten besuchen wollten, an die Angst und die Spannung meines Vaters, im Auto beim Grenzübertritt.
Ich bin immer wieder so naiv, zu glauben ,dass sich das ändern wird in der Welt,dass es doch auch gute Menschen gbt, ja,  ich weiss es dass es solche Menschen gibt, die sich für den Frieden einsetzen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Unterdrückten und den ungerecht Behandelten ein wenig Zuversicht und Hoffnung zu geben.
Gestern gab es ein Attentat in Tel Aviv, oder war es eher ein Amoklauf? Der junge Mann, der das angerichtet hat, wurde von seinem Vater erkannt, der dann den Sohn bei der Polizei meldete. Wie fühlt sich denn jetzt der Vater? Herrje, was mir alles durch den Kopf geht.
Mein jüngster Sohn fragte mich vor einiger Zeit, wie ich denn reagieren würde, wenn er was ganz schlimmes tun würde. Ich hab gesagt, ich würde erschrocken sein,warum er das getan hätte, und würde mich fragen , was falsch gelaufen ist, was ihn dazu getrieben habe könnte, etwas „Schlimmes“ zu tun, denn ich hab doch immer versucht, in ihm das Gute zu unterstützen. Aber lieben würde ich ihn immer.
Immer.
Für 2016 wünsche ich mir mehr Offenheit und  weniger Angst in der Welt, ja, und irgendwie mehr Liebe. Ohne das ich jetzt salbungsvoll und heilig klingen möchte.

Offenheit und Verständnis für die , die anders sind. Und Mauern einreissen könnnen , die in unseren Köpfen, und die an den Grenzen. Das wäre schön.

Viele liebe Grüsse   K., nachtdienstsentimentalisiert…..

Das Beitragsbild, (ich finde es wunderschön und aussagekräftig!) ist von Nasrin Abu Baker, einer palästinensischen Künstlerin. Pieta heisst es. Nasrin Abu Baker ist eine sehr mutige kluge Frau.
Und wenn ich mir das Bild so angucke, fallen mir andere „Pietas“ von anderen Künstlern ein, von Käthe Kollwitz, Ernst Barlach, und wie sehr mich diese Darstellungen der Trauerernden Mütter immer berührt haben, dieser Mütter, die doch für ihre Kinder nur das Beste wollen, und dann müssen sie sie opfern in Kriegen die sie nicht wollten… STOPP!

Let the sunshine……IMG_2385

Deine K.

Ritual gegen das Entsetzen

Liebe Freundin S.!

Heute ist ein schlimmer Tag, für alle, denen Europa und der Frieden am Herzen liegt.

Ich wurde wach heute Nacht, weil mein Handy blinkte. Mein syrischer Freund, der in Paris lebt, hatte etwas geschrieben. Ich war erschrocken und  hab den Fernseher angemacht und konnte nicht aufhören, das Unfassbare immer wieder anzusehen. Ich erinnere mich nicht, jemals so ein  Gefühl der Ohnmacht  empfunden zu haben, ich war wie gelähmt, überall hat es gekribbelt. Hilflosigkeit, Entsetzen, auch Angst… ich hab Angst um die Menschen, die hierher flFB_IMG_1447528068041üchten um Frieden zu finden. Sie sind vor denen weggelaufen, die das hier tun. Jetzt müssen sie womöglich Angst haben dass sie hier verurteilt werden, weil sie einem anderen Glauben angehören, ich weiss es nicht.

Ich hab mit meinem Freund M. in Paris heute Nacht geschrieben, ich dachte, er hat in Syrien soviel Angst erlebt, wurde im Libanonim Gefängnis  misshandelt , er hatte einen so beschwerlichen Weg, bis er dann endlich vor 2 Jahren in Paris eine Bleibe fand, und nun geschieht hier wieder Terror und Angst. „Its unbelievable, its horrible,“ hat er geschrieben.

Und so verging mein Tag mit Nachrichten und Nachdenken, und sehr viel Traurigkeit im Herzen. Und dann hörte ich , dass sie hier in der Stadt eine Mahnwache machen wollen.
Mein lieber Sohn J. ging mit.Ich glaube sonst hätte ich mich nicht aufgerafft vor lauter Lähmung.

J. packte Kerzen ein, Teelichter und Glasgefässe , und als wir dann am K-Platz ankamen, war niemand da.
Ich wurde unruhig, und dachte, ob ich einfach meine Kerzlein allein anzünden soll? Da kam ein Trupp sehr junger Leute, mit einem Laken auf dem stand: für den Frieden. Ich bin hinter ihnen her und fragte: macht ihr die Mahnwache. Ja, sagten sie. Sie begannen, aus Teelichtern ein Friedenszeichen zu legen, wir bauten gemeinsam, wir zündeten gemeinsam die Lichter an. Leute kamen und blieben stehen. Kurz nur und fragten, welche Bedeutung das habe. Für den Frieden, sagten die jungen Leute.

4 Syrer(ich vermute, dass es junge Syrer waren, sie sprachen arabisch) standen länger in unserer Nähe. Einer traute sich und zündete eine Kerze an. Blieb stehen, schaute auf das Licht, ganz still. Der nächste löste sich aus der Gruppe, entzündete ebenfalls ein Licht.

Ich war berührt. ich dachte, was haben sie durchgemacht, wie geht es ihnen hier? Woran denken sie? Vermissen sie ihre Familie? Schicken sie das Foto ,das sie mit ihrer Handykamera machten,  dorthin, damit die Daheimgebliebenen teilhaben können an dem Leben das sie hier führen?

Wir standen eine Weile, mein Sohn und ich,  und ich dachte an Frieden und Wärme und dass, wenn viele Leute das in den Himmel schicken, diesen Wunsch nach Frieden, das er dann wahr werden könnte. 20151114_185103

Später dachte ich: andere Leute gehen in die Kirche. Ich habe tatsächlich so etwas wie Trost empfunden, mit den jungen Menschen und meinem Sohn an diesem Platz zu stehen und zu schweigen. Brauchen wir manchmal solche Rituale, um mit entsetzlichen Dingen fertig zu werden? Brauchen wir Kerzen, Licht, Wärme, Gemeinschaft? Das kann trösten. Ich vermute,  dass viele Menschen , ob in Paris, München oder Hamburg, ebenso beieinander standen und nicht allein waren. Das ist doch ein tröstlicher Gedanke.

Liebe Grüsse K., sehr nachdenklich heute Abend