disturbing the peace

Liebe S.,
ich habe heute einen Film gesehen.
Wenn du dich erinnern kannst,war meine SchönsteTochter 2015 in Ramallah, während ihres Studiums, und hatte dort Kontakt mit den Leuten von den combattants for peace, ich hatte darüber geblogt, hier und  hier.
Über die Combattants for peace wurde jetzt ein Dokumentarfilm gedreht, er heisst :
Disturbing the peace. Den Frieden stören.
Es ist die Geschichte von Israelis und Palästinensern, die über Jahre der Wut auf die anderen und den Hass auf die, die ihre vermeintlichen Feinde sind, durch ein Erlebnis, einen Gedanken,eine Idee den Weg zueinander finden, weil sie feststellen, das auch der andere eine Geschichte des Leides hat, in einem Land , das niemandem wirklich gehört und in dem Hass und Angst voreinander an der Tagesordnung sind.
Einem Land , in dem es eine Mauer gibt, von der kaum einer weiss, wer sich dahnter verbirgt, wer dahinter lebt. Und dann stellen sie fest, das auch hinter dieser Mauer Menschen leben, die ihre Gefühle haben, die ihre Familie lieben, die für ihre Mitmenschen kämpfen.
Davon handelt der Film. Er handelt davon, wie es dazu kommt, das sich ihre Gedanken umkehren, und sie überlegen, wie sie zueinander finden, und zu einem Frieden in einem geteilten Land finden können.

Der Film handelt von Anfängen, Rückschlägen und der Hoffnung.
Er läuft zur Zeit in verschiedenen Kinos in Deutschland, und aber auch, und das war gut! auf Netflix. Ich hab ihn auf Netflix gesehen. Zum Glück nicht im Kino, denn da hätte ich keine Pause machen können  um Luft zu holen zwischendurch. Vielleicht hätte ich im Kino Mühe gehabt, meine aufkommende Traurigkeit im Zaum zu halten, zu Hause darf ich ja heulen, wenn es mich berührt, und mich hat viel berührt in dem Film. Diese unzerstörbare Hoffnung!
Und die Aussage: Wenn ich mich mit dem „Feind“befasse, seine Geschichte kenne und vielleicht seine Sprache verstehe, dann muss ich keine Angst mehr vor ihm haben. Wenn der Palästinenser hebräisch lernt, um den Juden zu verstehen. Wenn der Jude sich traut, in ein Quartier  der Araber zu gehen und feststellt, das sie ebenfalls Hochzeit feiern und lachen können, und das sie auch Angst haben, die anderen…..
Ich denke, das es auch bei uns möglich sein muss, einander zu verstehen, damit wir die Angst vor den „Fremden“ verlieren.
Befassen wir uns doch mit unseren Mitmenschen, denen, die fremd sind, und lassen wir uns doch auf sie ein.
Hören wir nicht auf die üblen Aussagen, die uns überschwemmen in den Medien, die manch Politiker sagt,lassen wir uns nicht beeinflussen, wenn wir sowas lesen, sondern bilden unser eigenes Urteil.
Was meinst du?
Ich denke sehr viel über sowas nach….

Deine Kat.

Ein Buch zu diesem Thema hab ich auch mal gelesen…….und darüber geschrieben….

 

Die Bilder hab ich von dem Film Disturbing the peace abfotografiert, ich hoffe ,das ist okay. Kat.

Das Schweigen brechen oder : Die Hoffnung ist grün

Liebe S.,
das ist jetzt politisch. Ich habe gestern auf Arte eine Sendung gesehen:
Re: Breaking the silence.
Als ich letztes Jahr in Israel war, bin ich mit einigen Aktivisten einer anderen Friedensorganisation (combattants for peace)in Kontakt gekommen und war beeindruckt von deren Arbeit für den Friedensprozess zwischen Israel und Palästina.
Nun sah ich zufällig gestern auf ARTE diese Sendung- es ist tatsächlich so, das Breaking the silence polarisiert, auch wohl bei den in Israel arbeitenden Friedensorganisationen. Nichtsdestotrotz ist Aufklärung notwendig:

Breaking the silence gibt ehemaligen Israelischen Soldaten die Möglichkeit, über ihre Einsätzen in von Israel besetzten Palästinensergebieten zu sprechen (Arte)

Wen näheres interessiert, kann diese Sendung noch 4 Wochen lang in der Mediathek ansehen.

Aber worüber ich hauptsächlich schreiben möchte, ist über eine Szene, die am Ende der Reportage (Minute 28) läuft:
Der Leader der Organisation, Yehuda Shaul,  ist mit dem Reporterteam in Hebron, er spricht, wie ich finde bewegt, über das was er in Hebron erlebt hat, und dann fährt ein Auto mit israelischen Fahnen vorbei , hält an, ein Mann steigt aus, hält sein Handy vor sich, filmt  Shaul, stellt Fragen, auf Hebräisch und Englisch, und filmt und filmt mit seinem Handy, während der Shaul zur Seite schaut, versucht nichts zu sagen, und ich bin wie gelähmt davor gesessen, und dachte: Was für ein Hass, und was für eine Stärke von Shaul, sich nicht provozieren zu lassen. Nicht zu sagen:Komm, Alter, pack dein Handy weg!
Er ist berührt, meine ich, bis die Reporterin sagt: Komm , lass uns gehen! da kann er : Yallah sagen und weggehen, während der andere in sein Auto steigt und mit wehenden Fahnen davon braust.

Viele Fragen stellen sich mir: Was ist das für eine Gesellschaft, die versucht zu dokumentieren was geht? Der wird seine kleine filmische Leistung bestimmt ins Internet gestellt haben. Wo bleibt die Privatsphäre? Sicher ist Shaul eine öffentliche Person und rechnet damit, immer im Kreuzfeuer der Öffentlichkeit zu stehen. Trotzdem!Welch ein Mut gehört dazu, nicht aufzuhören, weiter zu machen, auch wenn du angefeindet wirst.

Er sagt einen guten Satz :

„Ich möchte mir am Ende des Tages in den Spiegel schauen können. Und wenn wir das Schweigen nicht brechen, dann erfährt es niemand. „

S., ich wäre manchmal auch gerne so mutig, denn es gibt so viel, was wir erzählen könnten, und was geändert gehört,….
Ich lese gerade von Hannah Arend :“Über das Böse“, und genau darum geht es immer wieder:
Nicht wegschauen, hinsehen, aufstehen, laut werden, und sich nicht nur kurz wundern, warum, wie Arend schreibt, erlernte moralische Prinzipien plötzlich nicht mehr gelten, der Bürger  kurz irritiert ist, sich wundert, aber weil die Gesellschaft es okay findet, plötzlich anders -unmoralisch-zu handeln, der Bürger da einfach mitmacht. „Machen ja schliesslich alle so, also ist es auch okay, wenn ich da mitmache“.
Nee, nee, so will ich niemals sein!

Und ja, grün ist ne schöne Farbe, wenn auch nicht unbedingt in diesem Retrostyle, aber Grün ist Hoffnung.
Alles Liebe Kat.

Von der eigenen Timeline

Liebe S.,

ich hab überlegt, ob das Thema, über das ich jetzt schrieben will, im Sommer überhaupt angesagt ist, eigentlich ist es ja ein Novemberthema. Es geht ums Sterben. Meine Facharbeit für den Palliativkurs ist fertig, und meine SchönsteTochter hat mir den Schlusssatz gegeben: Sterben und Tod ist immer noch nicht Teil unserer Gesellschaft. Vorgestern haben wir uns darüber unterhalten. Sehr interessante Thesen hat meine Lieblingssoziologin SchönsteTochter. Sie sagt zum Beispiel, das andere Kulturkreise viel selbstverständlicher mit dem Tod umgehen. In anderen Kulturen wird der Tod zelebriert, es gibt Klageweiber, es wird gerufen und laut geweint. Bei uns steht eine leise Todesanzeige in der Zeitung, auf Beerdigungen ist man bedrückt, erschrocken über sein eigenes mögliches Ende.
Woran liegt das?
Die SchönsteTochter sagte: Weil uns die Spiritualität fehlt, die Hoffnung, die Vorstellung, dass nach dem Tod etwas weiter geht.
Früher glaubte man an eine Belohnung. „Den Seligen ist das Himmelreich“.Oder?Sagt man so? Früher, als die Lebensumstände schlecht waren, als Krieg , Not und Hunger herrschten, da brauchten die Menschen Hoffnung, einen Glauben an das danach, damit sie das alles überstehen konnten, das Leben. Heute , wo es uns gut geht, wo wir keinen Hunger haben und kein Krieg am Horizont aufzieht, und wenn,dann betrifft der uns nicht, heute haben wir keinen wirklichen Bezug zum Sterben. Da erschrickt er uns, weil es jemanden in der Nachbarschaft traf, und kurz befassen wir uns damit selber, mit unserer eigenen Endlichkeit, aber nur kurz.
Früher hatte ich keine Angst. Da war ich mir sicher, das die , die gestorben sind, nicht weg sind.Früher dachte ich, wenn ich tot bin, dann bin ich ein Lichtfunkeln in einem nie-endenden Feuerwerk.
Jetzt fürchte ich mich davor. Ich möchte noch lange leben.Möchte niemals aufhören, den Tag zu begrüssen, meineSchönsteTochter in den Arm zu nehmen, meinem JüngstLiebstenSohn die Haare zu verwuscheln, möchte singen mit dem GrösstLiebstenSohn, möchte noch tanzen und reisen und leben.

Dann kam mir noch etwas in den Sinn: Dass wir älter werden, dass wir, die schon älter geworden sind, oft hadern mit dem Alter , und nicht akzeptieren wollen, das das Fleisch faltig wird, die Augen schwächer, die Spannung nachlässt und die Gelenkigkeit, können wir es nicht akzeptieren, weil da der Tod um die Ecke guckt? Und uns angrinst, und sagt: „Naaaa?Nimmer lang, gell“, und in hässliches Gelächter ausbricht?
Letzte Woche fand ich in einer Zeitschrift ein Bild von Madonna, sie ist 57 , wenn ich nicht irre, und dieses Bild mit der Kleidung, die sie da trug, war einfach nur scheusslich. 20160621_103600

Ich hab es gesehen und gedacht: warum macht sie das? Verleugnet sie ihr Älterwerden? Darf eine Frau so rumlaufen? (Klar, dachte ich dann, soll sie, wenn es ihr gefällt,aber ich finde es nicht hübsch.) Sicher kann man darüber diskutieren. Egal. Diese ganzen Promis in fortgeschrittenerem Alter betreiben Körperkult und stählen ihre Straffheit.

EmmaNormalFrau hat für sowas keine Zeit.EmmaNormalFrau muss akzeptieren , das sie nicht mehr knackig ist,  selbst wenn sie immer noch in die Klamotten ihrer pubertierenden Tochter passt. Wenn man sie von hinten sieht, dann kann man vielleicht denken :Wow! Wenn sie sich umdreht, sieht man ihr Alter. Von hinten Lyzeum, von vorne Museum, hat mal jemand gesagt.

Zu sich stehen, sich seiner Timeline bewusst sein, wie mein Lieblingsitaliener gerade sagt, das ist eine Kunst. Sich mögen mit all den Falten und den einfach nicht verschwinden-wollenden Speckrollen, so sehr frau sich auch anstrengt, die bleiben einfach da! Der eigenen Vergänglichkeit ins Auge blicken, seine eigene Spirtualität finden, seine eigenen Hoffnungen finden und  Möglichkeiten, und wenn der Tod dann mal wieder um die Ecke luurt und grinst und fies kichert, dann mach ich ihm ne lange Nase! Dann mach ich einen Purzelbaum und tanz ihm davon.

Nicht wahr? Das machen wir! Und fürchten ihn nicht.

Grüsse Kat.

Erinnern

Liebe S.,
Letztes Jahr im Oktober hab ich meine alte Tante in meiner Heimat besucht. Sie ist 83.Sie hat immer viel erzählt , und ich wollte auch immer viel von ihr wissen, nur leider, wie das mit erzählten Erinnerungen so ist, hab ich vergessen oder durcheinander gebracht, was sie mir alles erzählte. Dieses Mal hab ich mir ein Aufnahmegerät mit genommen, ich wollte diese Geschichten, die sie zu erzählen hat, und die zu meiner Identität gehörenm, die wollte ich wissen und bewahren.Wir sassen 2 Abende in ihrer kleinen Küche, mit Blick auf denSee, an dem sie wohnt,  wir assen geräucherten Aal, wir tranken ein wenig Bier, ab und zu rauchte sie eine Zigarette. Die Schatten der Bäume wurden länger. Die Kormorane zogen über das Wasser.Ein Fischerboot schlug Wellen.
Und sie erzählte ihre Geschichten.
Es sind dann 4 einhalb Stunden verwertbarer Text geworden. Einen Auszug schreibe ich hier, denn ich bin auf das Projekt „Gegen das Vergessen“ hier im Blog aufmerksam geworden, über Juck Plotz Beitrag, hier ist es noch mal extra erläutert. (Ich weiss nicht , ob ich das jetzt richtig verlinke, aber ich mach das jetzt mal so.)

Meine VaterFamilie-meine Tante ist die Schwester meines Vaters- ist gebürtig aus Mecklenburg, sie stammen aus „einfachen“ Verhältnissen, mein Grossvater war Maurer, meine UrGrossmutter Dienstmagd bei Hochwohlgeboren.Das folgende ist ein Auszug aus ihren Erzählungen:

Die Nazi-Zeit

….-Opa musste nicht in den Krieg, weil er zu alt war.
Er hat ja den ersten Weltkrieg mitgemacht, aber dafür war er im Volkssturm(1945,) er war Volkssturm Erster, und da hat er und A.P…, der hatte schon einen Arm verloren, im Krieg, mit dem ist er an der Eldebrücke gewesen.Die sollte gesprengt werden.Die Soldaten hatten da Sprengstoff gelegt, kurz vor Schluss, vor dem 3.Mai. Das hat Opa durch geschnitten, damit die Brücke nicht gesprengt wird.
Leider steht da nicht sein Name , an der Brücke,aber da steht:
Plauer Bürger haben das gemacht.

Ja. Irgendwie war Opa doch ein Held. War er, ja….
Ja,und in der Gewerkschaft war er.Er hatte eine Urkunde, 25 Jahre Gewerkschaft, im Zimmer hing die, nachher war sie weg. Und da stand drauf:
Einer für alle, Alle für einen.
So ist der Spruch gewesen.
Während der Nazi-Zeit konnte er in der Gewerkschaft bleiben, das hat keinen gekümmert.Das musste er nicht verstecken,
Obwohl P(der Ort) voll war von Nationalsozialisten. Aber die haben sich zurück gehalten- …..

….-Der Alltag

Wir haben so gut es ging , Musik gemacht miteinander. 1945 hatten wir ja keinen Strom abends, dann kamen noch mehr Freunde aus dem Ort und der Strasse zu uns, M… ist dir vielleicht ein Begriff, Hans M….l. Und dann haben wir Blockflöte und Mandoline gespielt, und die Eltern haben dabei gesessen. Dann stand ne Kerze auf dem Tisch, selbstgedrehte Kerzen, meine Mutter hat dann aus dem Wachs auch Bohner gemacht, für den Fussboden(Bohnerwachs) und mein Vater hat die Zeitung gelesen, Pfeife geraucht, Mutti hat gestopft, oder gestrickt, oder irgendwas, und dann haben wir uns Geschichten erzählt.Unser Vater konnte tolle Geschichten erzählen.Spökenkiekerei.Und der hatte für alles irgendeinen Spruch.Das fand ich immer so toll.Aber ich kann mich leider gar nicht mehr an diese Geschichten erinnern.

……-Der Krieg
Opa versteckt die Mädchen. 1945

Eingemauert hat er uns.Wenn du so willst. Am Ende vom Hof, vom Garten war ja so eine kleine Mauer und dahinter floss die Elde.
Er hat hinter dem Garten zwischen dem Schwienstall an der Stadtmauer einen Verschlag gemacht, alles zugestellt mit Holz,und da war Stroh drin, in dem Raum.Und dann hat er ein Loch geschlagen in die Mauer,das wir da durch konnten, und da wurde so ein Schrank vorgeschoben.
Und G…. , also dein Vater, und R…waren mit einer alten Frau im Haus im Wohnzimmer, und die Russen haben immer gefragt: Wo Frau, Wo Frau? Die konnten sich das nicht erklären, dass wir nicht mehr da waren, und wo wir waren.Wir waren , glaub ich, über 20 Frauen drin.
Die suchten alle Schutz bei meinem Vater.
Wenn die Russen dahinter gekommen wären, ich glaub , die hätten meinen Vater auch erschossen.Wir haben das gemerkt, das die Russen da waren, wir waren so still, du hättest da wirklich die berühmte Nadel im Stroh fallen hören.So leise ist das gewesen. Und G… und R… , die waren draussen.Mit dieser alten Frau.Der haben die Russen wohl nix getan. Die war wohl selbst für die Russen zu alt. Die sei schon faul, haben die Russen gesagt.Furchtbar.
Und nach ner Weile haben wir dann gemerkt, wie die Russen auf dem Hof waren und mit der Taschenlampe durch das Holz, weisst du, wenn da so Ritzen sind, wie die da durch geleuchtet haben.Und da kam dann der Schein da rein, aber die konnten das (uns)nicht sehen.Die sind denn wieder abgehauen.Aber weisst du, ich hab in meinem ganzen Leben noch nicht so gezittert und auch nie wieder solche Angst gehabt.
Und denn war das ja Sommer, und es war so warm und die Schafe die blökten, und die Kühe haben Lärm gemacht und mussten gemolken werden, und die Schweine, und dieses Geblöke und so, das hör ich immer noch, das war schlimm.Ja, das war keine schöne Zeit, aber irgendwie haben wir die dann doch noch als schön empfunden.

…Geschwister…
G… ist ja nur ein Jahr jünger als ich. Aber ich hab die Verantwortung für meine jüngeren Geschwister übernehmen müssen.Und weisst du, ich seh dieses Bild immer noch… wir hatten ja auch nichts zu essen,E…(Älteste Schwester)brachte zwar immer Brotmarken mit,wir mussten ja Marken kleben, aber das hat nie gereicht  und ich stand am Küchenschrank und die drei Kleinen neben mir, und hatten Hunger.Und da war nichts drin.ImSchrank.
Das geht mir nicht aus dem Kopf.Das war schlimm.20150927_154954.jpg

Und du weisst ja, ich hab W…(Schwester) immer um mich rum gehabt.Zu Hause immer.Und nachher in Rostock haben wir in einem Betrieb gearbeitet,auch hier, in E…,und das ist mir schon ganz schön schwer geworden, als sie gestorben ist(2014).

Daher kommt auch dieser ganz starke Geschwisterverbund, wenn man so schlimme Zeiten miteinander durchgemacht hat.Und trotzdem haben wir aus allem was gemacht. W… kam nachher ins Internat, auf die Oberschule, ich war in der Schule keine grosse Leuchte.

….denn wir haben ja im Krieg und auch nach dem Krieg kaum Schule gehabt.
Wir haben uns dann alles selber anlernen müssen.

Aber wir haben ja trotz allem ne schöne Jugend gehabt, wir hatten ja einen grossen Hof, und das gute war ja, das wir ein eigenes Haus hatten.
Wir haben da Höhlen gebaut, und wenn Gewitter war, dann hatten wir so eine Leiter hingelegt, Säcke rauf und da sind wir dann unter gekrochen.Wir waren immer zu dritt, oder nee, zu viert…nein, also ich war vielleicht immer manchmal bisschen böse mit den Gören, aber wenn man da erzieht , dann muss man manchmal bisschen streng sein.Aber das, denk ich, haben sie mir auch nicht so übel genommen.Die sind ja immer noch zu mir gekommen.

….Menschlichkeit
Und einmal musste mein Vater wo arbeiten, in  Rostock, das war im Krieg oder kurz davor, und da wurde er bewacht von den Nazis, und da war so ein alter Jude, den liessen die Nazis immer mit einem Stein in der Hand auf und ab springen.Und wenn der stolperte, haben sie ihn geschlagen. Der war wohl schon so alt und gebrechlich und Opa konnte das nicht mit ansehen. Der hat zu den Nazis gessagt,das das unwürdig ist,was die da machen und da haben die mit dem Gewehr auf meinen Vater gezielt und gesagt, wenn du noch einmal das Maul aufmachst, geht es dir genauso!
♥      ♥     ♥
Es gibt noch mehr Geschichten, ich habe sie eben alle noch mal gelesen, und bin wieder sehr berührt davon. Sie hat an den Abenden da gesessen und immer wieder gesagt,“ Ach Mensch, Kat… die Menschen sind doch immer noch nicht schlauer geworden, die machen denselben Sch… doch immer noch, hört das denn gar nicht auf?“
Sie hat immer wieder betont, dass sie ein gutes Leben hatte, wie wichtig ihr die Geschwister waren, die Familie, aber „den Krieg,…nee, datt hätt nicht sin möt“.
1950 bis 1960 sind sie und ein Teil ihrer Geschwister in den Westen geflüchtet, teilweise unter abenteuerlichen Umständen.

Und deshalb werde ich immer wütend, wenn ich die Stimmen gegen Flüchtlinge höre, wenn ich von Mauern höre, die gebaut werden sollen, wenn ich diese Diskussion über Familienzusammenführung höre… ich weiss wie das ist, wenn man einen Teil seiner Familie nicht sehen kann. Ich weiss wie das ist, wenn jemand seine Heimat verloren hat.
Und noch ein Nachsatz zu ihrer Bezeichnung: „Die Russen“. Das bedeutet nicht, das alle Russen böse Menschen sind. Es bedeutet, das es in jedem Krieg Menschen gibt, die die Achtung und den Respekt vor anderen „fremden “ Menschen verloren haben. Mittlerweile, denke ich, ist das sogar im Frieden der Fall.

Sehr nachdenkliche Grüsse

Kat.
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Alles halb so wild

Liebe S.,

ich hab jetzt gerade deinen Beitrag gelesen, und mach mir dazu natürlich so meine Gedanken.
Ich denke (hoffe?)aber, dass deine Ängste unbegründet sind.
Ich glaube, das viel geschrieben wird. Und das sich so vieles aufbauscht.
Es gab ja mittlerweile auch schon einige Richtigstellungen, u.a. in diesen vielzitierten Sozialen Netzwerken, und ich persönlich weiss nicht, was genau passiert ist, ich war nicht dabei. Natürlich ist das wieder Wasser auf die Mühlen derer, die das nicht wollen, dass so viele fremde Menschen herkommen. Die nach Sicherheit krähen und am liebsten jedem Deutschen Bürger eine Waffe frei zugänglich machen wollen.
Es sind Ausnahmen. Das so etwas geschieht. Und meine Verschwörungstheorie ist: sie wollen uns Angst machen, sie wollen uns klein kriegen. (Fragt sich nur wer?)Wo ist denn in unserem persönlichen Kreis bereits etwas geschehen, wo wir um unsere Sicherheit bangen müssen?
Wer sagt denn, dass 10.000 illegal hier sind und das sind alles Verbrecher und die ha Bild in Originalgröße anzeigen  ben es auf unser System abgesehen? Wo kommt das her?
Kennst du dieses Bild?
Das Gerücht von A. Paul Weber. So funktioniert Angstmache.

2013 war ich in Beirut, nach dem Bombenanschlag im November 2012. Dort gab es eine hohe Polizeipräsenz in den Strassen.Mit Riesengewehren und Vollmartialischer Militärkluft. Da ging mir die Düse.Meine SchönsteTochter, die dort zu der  Zeit lebte, sagte: Aber ich hab jetzt weniger Angst, wenn ich die da stehen sehe.
Also…alles relativ.

Sicher siehst du mehr als ich in meiner winzigen, scheinbar heilen Welt. Du stehst Nachts in H. am Bahnhof und es sind viele Menschen um dich rum, und auch fremdaussehende, das Fremde macht uns Angst, weil wir es nicht kennen, aber das heisst nicht, das das Fremde immer BÖSE ist.

Die allermeisten Menschen, die die schlimme Reise übers Meer gemacht haben, an Grenzzäunen vorbei, die ALLES was ihnen lieb war, hinter sich gelassen haben, die sind froh über Deutschland. Die wollen an diesem System nicht kratzen. Klar können die mal ausflippen, Lagerkoller, keine Perspektiven, wie es weiter geht, aber das würde ich auch, oder?
Sicherheit ist Ansichtssache. In Australien ist es nicht besser. Die lassen ebenda schon mal gar nicht jeden rein, und ausserdem gibt es da Krokodile.
England? Dauerregen.Schweiz? ich hab Höhenangst.zuviele Berge.
Ach ja, Ärger in Kneipen gibt es auch schon seit den Spelunken im Mittelalter. Mindestens.

Und den Rechten in diesem Land? Keine Lösung. Doch, bitte, glaub weiter an das Gute im Menschen, sonst vernichten wir uns unsere Menschlichkeit.
Salbungsvoll( nee, im Ernst, ich will das nicht verlieren den Glauben an das Gute!)

K.

Ritual gegen das Entsetzen

Liebe Freundin S.!

Heute ist ein schlimmer Tag, für alle, denen Europa und der Frieden am Herzen liegt.

Ich wurde wach heute Nacht, weil mein Handy blinkte. Mein syrischer Freund, der in Paris lebt, hatte etwas geschrieben. Ich war erschrocken und  hab den Fernseher angemacht und konnte nicht aufhören, das Unfassbare immer wieder anzusehen. Ich erinnere mich nicht, jemals so ein  Gefühl der Ohnmacht  empfunden zu haben, ich war wie gelähmt, überall hat es gekribbelt. Hilflosigkeit, Entsetzen, auch Angst… ich hab Angst um die Menschen, die hierher flFB_IMG_1447528068041üchten um Frieden zu finden. Sie sind vor denen weggelaufen, die das hier tun. Jetzt müssen sie womöglich Angst haben dass sie hier verurteilt werden, weil sie einem anderen Glauben angehören, ich weiss es nicht.

Ich hab mit meinem Freund M. in Paris heute Nacht geschrieben, ich dachte, er hat in Syrien soviel Angst erlebt, wurde im Libanonim Gefängnis  misshandelt , er hatte einen so beschwerlichen Weg, bis er dann endlich vor 2 Jahren in Paris eine Bleibe fand, und nun geschieht hier wieder Terror und Angst. „Its unbelievable, its horrible,“ hat er geschrieben.

Und so verging mein Tag mit Nachrichten und Nachdenken, und sehr viel Traurigkeit im Herzen. Und dann hörte ich , dass sie hier in der Stadt eine Mahnwache machen wollen.
Mein lieber Sohn J. ging mit.Ich glaube sonst hätte ich mich nicht aufgerafft vor lauter Lähmung.

J. packte Kerzen ein, Teelichter und Glasgefässe , und als wir dann am K-Platz ankamen, war niemand da.
Ich wurde unruhig, und dachte, ob ich einfach meine Kerzlein allein anzünden soll? Da kam ein Trupp sehr junger Leute, mit einem Laken auf dem stand: für den Frieden. Ich bin hinter ihnen her und fragte: macht ihr die Mahnwache. Ja, sagten sie. Sie begannen, aus Teelichtern ein Friedenszeichen zu legen, wir bauten gemeinsam, wir zündeten gemeinsam die Lichter an. Leute kamen und blieben stehen. Kurz nur und fragten, welche Bedeutung das habe. Für den Frieden, sagten die jungen Leute.

4 Syrer(ich vermute, dass es junge Syrer waren, sie sprachen arabisch) standen länger in unserer Nähe. Einer traute sich und zündete eine Kerze an. Blieb stehen, schaute auf das Licht, ganz still. Der nächste löste sich aus der Gruppe, entzündete ebenfalls ein Licht.

Ich war berührt. ich dachte, was haben sie durchgemacht, wie geht es ihnen hier? Woran denken sie? Vermissen sie ihre Familie? Schicken sie das Foto ,das sie mit ihrer Handykamera machten,  dorthin, damit die Daheimgebliebenen teilhaben können an dem Leben das sie hier führen?

Wir standen eine Weile, mein Sohn und ich,  und ich dachte an Frieden und Wärme und dass, wenn viele Leute das in den Himmel schicken, diesen Wunsch nach Frieden, das er dann wahr werden könnte. 20151114_185103

Später dachte ich: andere Leute gehen in die Kirche. Ich habe tatsächlich so etwas wie Trost empfunden, mit den jungen Menschen und meinem Sohn an diesem Platz zu stehen und zu schweigen. Brauchen wir manchmal solche Rituale, um mit entsetzlichen Dingen fertig zu werden? Brauchen wir Kerzen, Licht, Wärme, Gemeinschaft? Das kann trösten. Ich vermute,  dass viele Menschen , ob in Paris, München oder Hamburg, ebenso beieinander standen und nicht allein waren. Das ist doch ein tröstlicher Gedanke.

Liebe Grüsse K., sehr nachdenklich heute Abend