Hilde

https://gezeitenwechselblog.wordpress.com/2016/06/21/vom-weggehen

 

Vom Weggehen

 

Liebe S.,

heute morgen las ich eine schöne Geschichte von Arabella, übers Weggehen. In den Kommentaren tauchte die Frage auf, warum in den Geschichten meist die Männer weggehen. Frauen scheinen zu bleiben, ausser bei Thelma und Louise, aber die mussten notgedrungen weg, wegen Gewalt.

Irgendwie beschäftigte mich das heute, die Sache mit dem Weggehen.

Ich war heute im Tierpark, mit einer Freundin. Menschen und Tiere beobachten. Wenn ich Zeit habe und Muße, liebe ich es, Menschen zu beobachten. Mütter mit ihren Kindern, Paare, frisch verliebt, der halbwüchsige Sohn führt den kleinen Hund an der Leine, sichtlich genervt von der Mutter und ihrem neuen Freund. Ein einsamer Mann geht vor uns. Am Hyänengehege fängt er an zu heulen. Die Tiere antworten ihm.

Im Terrarium dann eine Familie, bestehend aus einem älteren Mann im Rollstuhl, seiner Ehefrau und deren Tochter. Diese schob einen Zwillingskinderwagen. In dem Kinderwagen lagen zwei Buben, vielleicht 2 Jahre alt, schlafend. Es war warm im Terrarium. Die Frau des Mannes im Rollstuhl,  die Grossmutter der Zwillingsjungen, ich nenne sie Hilde, ist begeistert von den Waranen und Schlangen. „Schau!“, sagt Hilde zu ihrer Tochter,“ da oben auf den Ästen sitzen sie, die Baumpythons, sie sind gut getarnt, fast hätten wir sie nicht entdeckt, siehst du sie?Sie kringeln sich zusammen!“ Die Tochter guckt genervt. „Ich geh raus, den Kindern ist es zu heiss hier“, sagt sie.“Aber die schlafen doch“, sagt Hilde. „Nee“, ranzt die Tochter,, „ich geh raus, ich hasse diese Viecher“. „Oh“, macht Hilde.Sie wendet sich an den Mann im Rollstuhl. „Komm, Herbert,“, sagt sie, “ lass uns die Warane angucken, ich zeig dir, wo du sie am besten sehen kannst.“ Herbert rollt zu ihr und betrachtet brav die Warane. Hilde ist begeistert, und erklärt, wo die Warane leben und wo der Smaragdwaran zu sehen ist, dass das Männchen eine Krone hat, und dass der Steppenwaran da ganz versteckt unter dem Stein zu finden ist“Schau, Herbert!“.
….Ehrlich? Ohne Hilde hätte ich gedacht, das Terrarium sei leer.

Was aber macht Herbert? Herbert schimpft: „So langweilige Tiere, ich fahre auch raus“ und düst ab.Hilde ruft: „Warte, ich mach dir die Tür auf!“

Was aber wäre, wenn Hilde denkt: Was sind das für Pfeifen? Warum sehen die nicht, was mir wichtig ist? Warum hat von dieser lieben Familie keiner den Nerv, mir zu Liebe mal ein paar Minuten mit den Waranen zu verbringen?

Hilde hält Herbert nicht die Tür auf. Hilde wartet, bis er draussen ist, dann geht sie hocherhobenen Kopfes aus der Terrariumtür, an Herbert und der Tochter mit den schlafenden Zwillingen vorbei, nickt ihnen kurz zu, lächelt, und spaziert schnurstracks auf den Zooausgang zu.

Auf der anderen Strassenseite wartet der Bus zum Bahnhof . Welch ein Glück, denkt Hilde, denn sonst hätte ich es mir vielleicht anders überlegt.Sie steigt ein und zahlt ihr Ticket. Kurz überlegt sie, was sie jetzt mit dem Haustürschlüssel macht, aber die Tochter hat einen Ersatzschlüssel und sie sind sowieso mit dem Auto der Tochter gekommen.Am nächsten Morgen kommt der Pflegedienst zu Herbert, sie wird dort kurz anrufen und sagen, dass der Herbert in Zukunft auch Mittags und Abends einen Besuch braucht, zum Essen machen und ins Bett bringen.
Hilde wird jetzt zum Bahnhof fahren und in einen Zug steigen.
Kurz überlegt sie, zum Flughafen zu fahren, die Warane leben auch in Indonesien, da wollte sie schon lange mal hin. Aber da bräuchte sie einen Impfpass, und welche Sprache sprechen sie da? Das ist ihr jetzt zu kompliziert. Also wo will Hilde hin?
Als sie am Bahnhof ankommt, steht an Gleis 6 der Schnellzug nach Paris.Am Abend wäre sie in Paris, da war sie noch nie. Sie versteht zwar auch kein französisch, aber Paris, das wäre schön, denkt Hilde.
Sie bezahlt mit ihrer EC-Karte das Ticket. Das macht sie selten, denn Herbert möchte immer, dass sie bar bezahlt, dann hat er besser Kontrolle über ihre Ausgaben, sagt er. Herbert… kurz hat sie ein schlechtes Gewissen, aber nur ganz kurz. Der Pflegedienst ist gut, Herbert schäkert immer den jungen Pflegerinnen, da kann er sich jetzt austoben , denkt sie.

Und steigt in den Zug nach Paris.

Paris wäre schön, oder?

Liebe Grüsse Kat.

 

Vom Meer und den Wellen

https://gezeitenwechselblog.wordpress.com/2016/07/10/vom-meer-und-den-wellen

Liebe S.,

Erinnerst du dich an Hilde? Aus meinem Beitrag Vom Weggehen ?
Ich hab heute überlegt,was wohl aus ihr geworden ist? Vielleicht ist sie tatsächlich in Paris angekommen und hat sich am Gare de L`Ést  im Intercontihotel ein Zimmer genommen. Um eine kleine heimelige Pension zu suchen, reichen ihre Französischkenntnisse nicht aus.Sie hat sich 3 Tage durch die Stadt treiben lassen, mit dem Taxi konnte sie sich immer wieder ins Intercontihotel bringen lassen, das ist nicht schwer auszusprechen und jeder Pariser Taxifahrer kennt es. Aber nach 3 Tagen hat ihr der  Trubel der Grossstadt gereicht. Sie ist zum Bahnhof an den Reisebüroschalter gegangen.Irgendwie hatte sie Sehnsucht nach dem Meer.
Am Schalter sass ein junge Frau. Hilde fragte zaghaft: „Sprechen Sie ein bisschen Deutsch?“
Die junge Frau begann zu strahlen und sagte: „Ja, gerne, ich hab in der Schule Deutsch gelernt, wie kann ich Ihnen helfen? “
„Ich möchte ans Meer“, sagte Hilde.
„Davon haben wir hier genug“, antwortete die junge Frau und nach ein bisschen plaudern buchte Hilde eine Zugfahrt nach Nantes, ein kleines Mobilhome auf einem Campingplatz in der Nähe am Atlantik und einen kleinen Leihwagen. In 3 Stunden ging der Zug.Hilde kam sich sehr abenteuerlustig vor und überlegte, ob sie kurz zu Hause anrufen sollte. Ihr Handy hatte schon längst den Geist aufgegeben, sie hatte schliesslich kein Ladekabel dabei in ihrer Handtasche. „Was für ein Glück eigentlich“, dachte sie, „sonst hätten sie mich mit SMS bombardiert, und ich wäre sicher umgekehrt. Aber so mache ich mir ein paar schöne Tage am Meer.“
Der Campingplatz am Atlantik war ziemlich gross und es dauerte eine Weile, bis Hilde ihr Mobiles Heim für die nächsten 10 Tage gefunden hatte. Es lag in einem Pinienwäldchen, der Duft der Piniennadeln in der Abendsonne umfing Hilde. Dieser Geruch erinnerte sie an ihr Wohfühlölbad, aber jetzt in der Natur war er viel intensiver.Der Boden war weich und ihre Schritte federten leicht. In der Nähe hörte sie das Meer rauschen.
Sie ordnete ihre wenigen Kleidungsstücke, die sie sich in Paris gekauft hatte, in das kleine Regal hinter dem schmalen Bett, nahm ihr Handtuch und machte sich auf den Weg zum Meer.
Sie war überwältigt von der Weite des Strandes, der Weite des Himmels und des Wassers.

Die nächsten  Tage verliefen in einer Gleichmässigkeit und einer Ruhe, die Hilde so lange schon vermisst hatte. Morgens verzehrte sie im kleinen Campingplatzbistro ein Croissant und einen Milchcafe. Dann ging sie zum Meer.Sie ging den Strand entlang , erst eine Stunde die Unendlichkeit des Meeres zu ihrer Linken, dann eine Stunde zu ihrer Rechten. Sie beobachtete die Surfer in den Wellen, von denen sie zuerst gedacht hatte, es seien Pinguine, denn sie erkannte nur schwarze kleine Gestalten, die auf den Wellen tanzten.
Sie beobachtete die Familien, die unter Strandmuscheln lagen, sich sonnten, die Väter die  mit ihren Kindern Strandburgen bauten, die Mütter lagen in der Sonne, manche lasen.Sie beobachtete junge Leute, mit ihren Surfbrettern, die Bier tranken und lachten.
Ein kleiner blonder Junge stand im Wasser und spielte selbstvergessen mit einer Kokosnusschale, die auf den Wellen auf und ab tanzte.
„Wie einfach das Leben ist“, dachte Hilde.
Mittags ging Hilde in ein kleines Strandrestaurant und ass ein Baguette oder einen Teller Nudeln, dann ging sie zurück zum Campingplatz. Dort nahm sie den Duft der Pinien in sich auf, während sie in einem Liegestuhl lag und den Himmel und die Bäume betrachtete.

 

Vom Befreien

https://gezeitenwechselblog.wordpress.com/2016/07/11/vom-befreien

 

Liebe S.!
(Und  liebe Leserinnen, die ihr so viel Anteil an Hildes Geschichte nehmt.)
Schön wäre es, wenn Hilde auf dem Campingplatz am Atlantik einen Job in der Rezeption gefunden hätte, der Campingplatzbesitzer hätte sich in Hilde verliebt und sie hätte auf ewig täglich Spaziergänge am Strand machen können. Aber Hilde wollte ja heim.
Vielleicht nicht unbedingt zu ihrem Herbert, aber sie hat ja 2 Enkelkinder, die sie liebt und eine Tochter, die meistens ja auch nett ist und die sie ebenfalls liebt. Seine Kinder liebt man einfach, egal wie ekelhaft die ihre Mutter auch manchmal behandeln.
Hilde fuhr also wieder nach A. zurück, ihre Siebensachen passten in eine kleine Sporttasche, in den Ohren hatte sie immer noch das Rauschen des Meeres und um den Hals trug sie eine Muschel, die sie am letzten Tag gefunden hatte. Die Muschel hat ein Loch an ihrer engsten Stelle, und Hilde hat sie aufgefädelt auf ein dünnes Lederband, das sie im Souvenirschop gekauft hatte. Sie fühlte sich ein bisschen wie ein Hippie. Als sie am Abend in A. zu ihrem Haus kam, war alles dunkel, die Vorhänge zugezogen, das Wasser abgestellt, und nirgendwo ein Herbert zu finden. Ein klein bisschen schlechtes Gewissen hatte Hilde, weil sie erleichtert darüber war. Sie inspizierte  den Kleiderschrank, ein paar Kleidungsstücke von Herbert fehlten, also war er nicht gestorben, sondern vielleicht auch verreist, dachte sie.
Sie schlief gut in dieser Nacht.
Am nächsten Morgen fuhr Hilde zu ihrer Tochter.Sie klingelte , ein wenig zaghaft, an der Haustür. Die Tochter öffnete und als sie Hilde erkannte , brach sie in Tränen aus.
„Mama, ich bin so sauer gewesen erst auf dich und dann hatte ich Angst, das dir was passiert ist, aber auf den Kontoauszügen hab ich gesehen, dass du Geld abgehoben hast und wo du bist, aber warum bist du weggegangen , es war schrecklich, Papa war furchtbar, ach Mama, ich bin so froh ,dass du wieder da bist!“
„Schschsch, „, machte Hilde, “ jetzt bin ich ja wieder da. Und wo ist Papa?“. Da guckte die Tochter zornig. „Papa“, schnaubte sie, “ den hab ich in Kurzzeitpflege gesteckt, der Pflegedienst kam dreimal täglich und dreimal täglich hat er den Schwestern in den Hintern gekniffen und da haben die ihm kurzerhand den Vertrag gekündigt. Einmal am Tage sei tolerierbar, hat die Pflegedienstleitung gesagt, aber dreimal am Tag sei zuviel. Aber ich finde auch einmal am Tag ist zuviel, und dann hat er mit mir nur rumgenörgelt und gemeckert und da hab ich verstanden, warum du weggegangen bist, Mama!“
In Hilde machte sich ein zufriedenes Gefühl breit. „Mich hat er zuletzt vor 25 Jahren in den Po gekniffen, aber schön fand ich das auch nicht“,  sagte sie.

Heute hab ich Hilde im Zoo wieder getroffen, nicht bei den Waranen, sondern bei den Kattas.20160621_131318 20160621_131555Kattas sind kleine Baumaffen, mit langen Schwänzen, die im Zoo in A. ein Freigehege haben und weil es Menschen gibt, die sie am Schwanz ziehen oder mit Steinen versucht haben, sie von den Bäumen zu holen, hat der Zoo Mitarbeiter gesucht, die die Besucher und die Affen im Blick haben, die Türen zum Freigehege öffnen, und aufpassen, dass die Kattas nicht gefüttert werden.
Hier arbeitet Hilde 4 mal in der Woche. Sie liebt es, die Menschen zu beobachten und die Kinder , die über die Sprungkünste der kleinen Affen staunen, sie liebt es zu beobachten, wie die Affen miteinander umgehen.Keiner von ihnen ist alleine, diese Affen kuscheln gemeinsam und springen gemeinsam.
Manchmal kommt ihre Tochter mit den Enkeln vorbei. Die schlingen dann ihre runden Ärmchen um Hildes Nacken und schnaufen ihr in die Haare, dann ist Hilde glücklich. Herbert ist von der Kurzzeitpflege direkt in ein Pflegeheim gegangen, Hildes Schwiegersohn hat das Haus verkauft und Hilde lebt in einer kleinen Gartenwohnung nicht weit vom Zoo. 4 mal in der Woche besucht sie Herbert, sie erzählt ihm von ihrer Arbeit, sie schauen alte Fotos an oder sie fährt ihn im Park spazieren.
Gestern hat ein Zoobesucher, der regelmässig kommt, Hilde gefragt, ob sie mit ihm nächste Woche zum Tanztee gehen möchte. Hilde hat an ihre Muschelkette gefasst, kurz überlegt, und lächelnd gesagt:  Tanzen-ja, das  wäre mal wieder schön.

 

Kat.

 

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