Heimat VII HEIMAT?DA WAR ICH NOCH NIE!

Oh, liebe S.,
das kenn ich auch, das man einen Ort findet, den man meint zu kennen. Ich hatte das in der Bretagne, irgendwie das Gefühl, da gehöre ich hin, da komm ich her. Vielleicht bisschen esoterisch gedacht, aber egal. Auf alle Fälle war es ein gutes Gefühl.
Vor 2 Jahren war das Thema des Augsburger Friedensfestes :
HEIMAT?DA WAR ICH NOCH NIE! Das waren Worte, die mich fast immer zu Tränen gerührt haben, wenn ich eins dieser Plakate gesehen habe. Da schwingt soviel Sehnsucht mit. Und gleichzeitig denke ich dabei an dieses Festhalten der Heimat, ich denke an diese Vereine, in denen man Brauchtum pflegt, ich denke an die grossen VertriebenenTreffen, der Sudetendeutschen, der Banater Schwaben, Menschen die auf Grund von Krieg und Vertreibung ihre Heimat verloren haben.

(Im übrigen fand ich eine Zeitlang diese Treffen furchtbar, dieses Traditionsgetümel, dieses Beharren auf  Althergebrachtem. Spiessig fand ich es, ich dachte: Ey Leute, es gibt noch andere schöne Orte auf der Welt, seid doch mal flexibel!)

Und haben  wir, die Nachkommen der Vertriebenen, heute Verständnis für all die Menschen, die weiterhin auf der Flucht sind?  Sind wir uns bewusst, das wir selber zum Grossteil Vertriebene , Geflüchtete sind?

Die Familie meiner Mutter kommt aus Polen, Pommern, irgendwo von da.
Mein Vater verliess seine Heimat, Mecklenburg, nach dem Krieg. Er flüchtete. Er konnte seine Eltern und Geschwister eine lange Zeit nicht sehen.
Ich hab diesen seinen Schmerz als Kind sehr gespürt. Heimat, da war ich noch nie, vielleicht hat mich das deshalb so berührt.

Bei uns in Ratzeburg gab es die Mecklenburger Treffen. Dort trafen sich in den 70er Jahren  die Mecklenburger, die ihre Heimat verlassen mussten, es gab eine Gulaschkanone, auf dem Domberg, da hab ich mir weiss Gott was drunter vorgestellt.(Da drin war nie Gulasch, immer Erbsensuppe. Knallt und knattert und raucht ja auch hinterher.)
Ein Rotkreuz Auto fuhr durch die Stadt und suchte per Lautsprecher „Quartiere“, ich verstand „wilde Tiere“ und bin aufgeregt zu meinem Vater gelaufen und hab gerufen,:“Papa, die suchen wilde Tiere!“
Dann gingen wir nachmittags auf diese Treffen , und mein Vater traf dort Menschen, die er kannte.Schulkameraden, alte Freunde, Ruderkameraden. Früher dachte ich, das seien Leute aus seiner Heimatstadt, die herreisen durften, erst später begriff ich, das auch diese Menschen hier im Westen lebten, und den Osten, ihre Heimat , nicht besuchen durften.
Manchmal gingen wir feierlich nach Mecklenburg, mein Vater und ich. Denn der Domberg des Ratzeburger Domes gehört zu Mecklenburg, und es gibt einen Grenzstein. Wir haben uns ganz ernst auf die Ratzeburger Seite gestellt, mein Vater nahm meine Hand, und dann taten wir einen Schritt und waren in Mecklenburg.
In seiner Heimat.
Heimat? Da war ich doch schon!

Kat.

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5 Kommentare

  1. Ulli · November 9

    Liebe Kat., deine Worte berühren mich rundrum … so vieles steckt hier von meiner eigenen Geschichte und der meiner Familie, gleichzeitig ist es wohl auch das, was uns mit flüchtenden Menschen solidarisch sein lässt und für Weltoffenheit stehen, was gerade jetzt noch wichtiger wird …
    und das mit der Bretagne teilen wir auch, wie schön!
    herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

    • kat+susann · November 9

      Liebe Ulli, vielleicht haben Menschen mit ähnlichen Geschichten auch ähnliche Gedanken, und weil sie sich austauschen wollen, suchen sie Geichgesinnte und finden diese auch. Und spinnen dann ein Netz, durch das sie sich gemeinsam stärken. Das ging mir so durch den Sinn beim Lesen deines Kommentars. Danke dafür! Kat.😊

      Gefällt 1 Person

  2. Unglaublich leicht · November 9

    Berührend ❤️

    Gefällt 1 Person

  3. Flowermaid · November 10

    … bitte gib mir ein Sudoku *winsel*

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