…wieder ins Lot kommen…

Meine liebe Freundin,

So ein schönes Blau an deinem Buddhabild vom letzten Brief.
Ich weiss, was du mir oft von deiner Arbeit erzählst. Ich hab da irgendwie mehr Glück, bei uns gibt es geregelte Pausen, die zu 97% auch eingehalten werden können,eine halbe Stunde weg von der Arbeit,mit anderen Kollegen gemeinsam essen und reden und lachen. Wertvolle Zeit.

Als ich auf REHA war letzes Jahr, drehte sich viel um das Thema: Selfcare im Beruf, sich schützen, auf sich achten. Es ist auch in anderen Berufsgruppen so, das besonders Frauen dazu neigen, sich zuviel zuzumuten, nicht nein sagen können, weiter schuften, alles aushalten, sich und ihre Bedürfnisse hintenan stellen. Ob das die Vorzimmerdame eines Bürgermeisters eines kleinen Ortes war, die Qualitätsmanagerin in einem Chemiebetrieb, der Ergotherapeut einer therapeutischen Wohngruppe,oder die Schwiegertochter einer pflegebedürftigen Schwiegermutter, bei jedem oder jeder war auf Grund von „sich nicht abgrenzen können“, „nicht nein sagen können“ ein Burnout diagnostiziert worden.

Was ich da gelernt habe, ist folgendes: Das ganze System kann ich nicht ändern. Aber: ich kann schauen, wie ich am besten damit umgehe. Sicher hilft es, nach der Arbeit joggen zu gehen, wenn die Füsse noch mitmachen. Es hilft mir auch, mich nach besonders schweren belastenden Tagen nach Dienstschluss kurz in die klinikumseigene Kapelle zu setzen und zu beten.Aber das sind so Fluchtdinger. Was mir viel mehr hilft, ist wahr zunehmen, was trotzdem gut ist.(Trotz Schichtdienst, Sparmassnahmen, Personalmangel)
Gut ist:Dass ich nette, sehr nette Kollegen habe. Dass wir lachen können, gemeinsam. Dass der Blick aus dem Fenster in einem Patientenzimmer schön ist,wenn die Sonne um 6.00 auf geht, sofern das Zimmer denn ein Fenster hat.(HIHI). Dass ich ernstgenommen und geschätzt werde, von den Pflegekollegen und den anderen Medizinern.Dass vor 2 Wochen ein Angehörigenbrieflein kam, indem ich namentlich mitgenannt wurde, dankeschön, Schwester K., und das ich die letzen 3 Frühdienste so viel Spass hatte, weil wir ein Superteam sind, in dem keiner alleingelassen wird, und ich zufrieden heimgehe, obwohl ich das Gefühl hatte, das meine Fussgelenke porös sind, und in wenigen Tagen zu Staub zerfallen. Das wärs dann mit dem flitzen, Schwester K.
Selfcare hat nicht nur was mit Massage und Meditation zu tun, sondern auch mit dem Wahrnehmen der guten Dinge, die trotzdem da sind, auch wenn es alles gerade so zum K…. scheint. Ein dickes Fell braucht es auch. Klar. Aber auch das Spüren,was jetzt im Moment gerade gut ist.
Eine junge Kollegin sagte letztens, nachdem wir in der Pause über dieses Thema geredet hatten, und nach Feierabend gemeinsam lachend zur Umkleide gegangen sind: Das ist auch Selfcare, das wir gemeinsam jetzt zum Umziehen gehen. Das fand ich schön.

Vor mir liegen jetzt 4 Nachtdienste. Vielleicht lese ich mir  das, was ich geschrieben habe, heute noch 10 mal durch, damit ich weiter so positiv bleibe.

Ach ja, und unsere Arbeit und das Älterwerden: in diesem Buch, meiner derzeitigen Bibel, (Göttinen altern nicht)beschwört die Autorin in einer Tour die positive Einstellung, die dir das Altern verzögert, das Leben erleichtert, den Schwung beibehält. Ich denke , sie hat recht.

Das Leben ist ein Paternoster, ein ständiges rauf und runter. Versuchen wir, das Rauf ganz doll in uns zu leben.

Deine K.,
mit Lebensweisheiten um sich schmeissend 😉

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4 Kommentare

  1. meertau · September 16

    bravo 🙂

    Gefällt 4 Personen

  2. Flowermaid · September 16

    … warum nicht einmal mehr die rosarote Brille tragen… 😉

    Gefällt mir

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