Vom Meer und den Wellen

Liebe S.,

Erinnerst du dich an Hilde? Aus meinem Beitrag Vom Weggehen ?
Ich hab heute überlegt,was wohl aus ihr geworden ist? Vielleicht ist sie tatsächlich in Paris angekommen und hat sich am Gare de L`Ést  im Intercontihotel ein Zimmer genommen. Um eine kleine heimelige Pension zu suchen, reichen ihre Französischkenntnisse nicht aus.Sie hat sich 3 Tage durch die Stadt treiben lassen, mit dem Taxi konnte sie sich immer wieder ins Intercontihotel bringen lassen, das ist nicht schwer auszusprechen und jeder Pariser Taxifahrer kennt es. Aber nach 3 Tagen hat ihr der  Trubel der Grossstadt gereicht. Sie ist zum Bahnhof an den Reisebüroschalter gegangen.Irgendwie hatte sie Sehnsucht nach dem Meer.
Am Schalter sass ein junge Frau. Hilde fragte zaghaft: „Sprechen Sie ein bisschen Deutsch?“
Die junge Frau begann zu strahlen und sagte: „Ja, gerne, ich hab in der Schule Deutsch gelernt, wie kann ich Ihnen helfen? “
„Ich möchte ans Meer“, sagte Hilde.
„Davon haben wir hier genug“, antwortete die junge Frau und nach ein bisschen plaudern buchte Hilde eine Zugfahrt nach Nantes, ein kleines Mobilhome auf einem Campingplatz in der Nähe am Atlantik und einen kleinen Leihwagen. In 3 Stunden ging der Zug.Hilde kam sich sehr abenteuerlustig vor und überlegte, ob sie kurz zu Hause anrufen sollte. Ihr Handy hatte schon längst den Geist aufgegeben, sie hatte schliesslich kein Ladekabel dabei in ihrer Handtasche. „Was für ein Glück eigentlich“, dachte sie, „sonst hätten sie mich mit SMS bombardiert, und ich wäre sicher umgekehrt. Aber so mache ich mir ein paar schöne Tage am Meer.“
Der Campingplatz am Atlantik war ziemlich gross und es dauerte eine Weile, bis Hilde ihr Mobiles Heim für die nächsten 10 Tage gefunden hatte. Es lag in einem Pinienwäldchen, der Duft der Piniennadeln in der Abendsonne umfing Hilde. Dieser Geruch erinnerte sie an ihr Wohfühlölbad, aber jetzt in der Natur war er viel intensiver.Der Boden war weich und ihre Schritte federten leicht. In der Nähe hörte sie das Meer rauschen.
Sie ordnete ihre wenigen Kleidungsstücke, die sie sich in Paris gekauft hatte, in das kleine Regal hinter dem schmalen Bett, nahm ihr Handtuch und machte sich auf den Weg zum Meer.
Sie war überwältigt von der Weite des Strandes, der Weite des Himmels und des Wassers.

Die nächsten  Tage verliefen in einer Gleichmässigkeit und einer Ruhe, die Hilde so lange schon vermisst hatte. Morgens verzehrte sie im kleinen Campingplatzbistro ein Croissant und einen Milchcafe. Dann ging sie zum Meer.Sie ging den Strand entlang , erst eine Stunde die Unendlichkeit des Meeres zu ihrer Linken, dann eine Stunde zu ihrer Rechten. Sie beobachtete die Surfer in den Wellen, von denen sie zuerst gedacht hatte, es seien Pinguine, denn sie erkannte nur schwarze kleine Gestalten, die auf den Wellen tanzten.
Sie beobachtete die Familien, die unter Strandmuscheln lagen, sich sonnten, die Väter die  mit ihren Kindern Strandburgen bauten, die Mütter lagen in der Sonne, manche lasen.Sie beobachtete junge Leute, mit ihren Surfbrettern, die Bier tranken und lachten.
Ein kleiner blonder Junge stand im Wasser und spielte selbstvergessen mit einer Kokosnusschale, die auf den Wellen auf und ab tanzte.
„Wie einfach das Leben ist“, dachte Hilde.
Mittags ging Hilde in ein kleines Strandrestaurant und ass ein Baguette oder einen Teller Nudeln, dann ging sie zurück zum Campingplatz. Dort nahm sie den Duft der Pinien in sich auf, während sie in einem Liegestuhl lag und den Himmel und die Bäume betrachtete.

Am Abend machte sie sich erneut auf den Weg zum Meer.


Wenn sie glaubte, allein am Strand zu sein, stiess sie Schreie aus, gegen den Wind. Sie, die Hilde aus A., die immer leise und still alles ertragen hatte, schrie gegen den Wind.Wetterte und schimpfte.Jauchzte, sang und jubelte.  Erfand böse Wörter für alles, was sie geärgert und verletzt hatte. Dann lachte sie über sich selber. Und bückte sich nach Muscheln und Steinen und warf sie voller Kraft zurück ins Meer.
Von den Spaziergängen wurde ihre Haltung aufrechter, ihre Beine kräftiger und  ihr Herz weitete sich.
Sie liebte es, die Wellen zu beobachten, das ewige Auf und ab, das rhythmische Hin und Her.
Hilde spürte diesen Rhythmus in sich.
Sie spürte eine grosse Ruhe in sich und eine Kraft wuchs in ihr.

Hilde machte Pläne. Sie wusste jetzt, wie sie ihr Leben weiter leben würde.
Nach 10 Tagen war Hilde bereit, nach Hause zurückzukehren.

Kat.

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20 Kommentare

  1. Zoé, la Française · Juli 10, 2016

    Wunderschön, ich beneide Hilde …

    Gefällt 2 Personen

  2. sweetkoffie · Juli 10, 2016

    Sind wir nicht alle etwas Hilde 😉
    Schöne Geschichte Kat

    Gefällt 3 Personen

  3. gertrudtrenkelbach · Juli 11, 2016

    Meine Hilde verliert meistens….Deine Hilde ist etwas anpackender…..

    Gefällt 1 Person

    • kat+susann · Juli 11, 2016

      Meiner Hilde hats einfach gelangt!😾

      Gefällt 1 Person

      • gertrudtrenkelbach · Juli 11, 2016

        Und sie hat das Talent etwas zum positiven zu ändern. Meine Hilde versucht das auch, scheitert aber meistens an sich selbst.
        Ich kann Deine Hilde nur bewundern….

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      • kat+susann · Juli 11, 2016

        Hm…..Ist das so,weil jeder verschieden ist? Und kann so eine Hilde Mut machen? Oder ist so eine Hilde auch egoistisch? Kann man das lernen? Oder liegt das in einem drin? Schreien toben jauchzen schimpfen lachen, das kann Frau aber üben. Grüße Kat.🌹

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      • gertrudtrenkelbach · Juli 11, 2016

        Sicherlich….bin dabei. Ich denke es gibt eben viele Hilden……und eine jede ist so wie sie ist. Ich musste nur über Deine schmunzeln und freue mich an ihr!

        Gefällt 1 Person

  4. luzieke · Juli 11, 2016

    Nach 10 Tagen war Hilde bereit, nach Hause zurückzukehren…….auch mit dem Wissen das man andere Menschen nicht ändern kann…

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  5. Ulli · Juli 11, 2016

    Hilde macht es sooo richtig, besonders mag ich ihre Schreie bis sie wieder lacht!
    herzlichst
    Ulli

    Gefällt 3 Personen

  6. kat+susann · Juli 11, 2016

    Mal sehen😃

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  7. Flowermaid · Juli 11, 2016

    … wenn der Und nicht währe ( zu klapprig ) sässe ich jetzt in einem Zug… freue mich schon auf die Fortsetzung! Alles schön Geschichte und Fotos❣

    Gefällt 2 Personen

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