Sturm und Drang

Meine liebe S.,
ich lerne! Gedichte, Theaterstücke, Schiller, Goethe, Sturm und Drang,…

Also, der Grund, mein JüngstliebsterSohn, 16 jährig, 10. Klasse Gymnasium

Heute kam er mit einem Bauerngedicht an, welches er analysieren sollte.

>>Ha! du wärst Obrigkeit von Gott?
Gott spendet Segen aus; du raubst!
Du nicht von Gott, Tyrann!<<

Textanalyse.
Super! Und Revoluzzer Gedanken! Noch besser! Brauchen wir sowas wieder vermehrt? Gesellschaftskritik, gegen diese ganzen Möchtegerndurchlauchten, die sich erdreisten, Steuern zu verlagern und zu hinterziehen, während das Volk sich krummbuckelt.Im Grunde machen die heutzutage nichts anderes als das , was der Fürst in diesem Gedicht macht. Der zertritt und zerstört die Saat, lässt den Bauern vom Hund beissen und tritt ihn noch nicht mal selber, sondern lässt das sein Pferd tun. Die jetzigen Durchlauchten scheren sich doch auch nicht einen Pfifferling um das, was die heutigen „Bauern“, die heutigen Arbeitenden Menschen tun. Herrje, möge sie der Blitz treffen, die Steuernaufdieseiteschaffer.

Letzte Woche:  „Kabale und Liebe“, von Schiller.

„Bis Montag muss ich das gelesen haben, Mama“.Es war Donnerstag, und dazwischen lag ein Vater-Wochenende. Also, Angebot von der netten Mutter: „Wir lesen jetzt den ersten Akt, dann liest du morgen im Zug den 2. , dann die anderen beim Papa,und wenn du wieder kommst am Sonntag, machen wir abends den letzten.Und besprechen alles, wenn du willst.“
Okay, wir haben uns aufs Sofa gefläzt, und dann begann er vorzulesen. Aber diese Sprache! Wenn du es nicht gewöhnt bist, dann fällt es so schwer, alles flüssig zu lesen und zu verstehen. Und dann auch noch soviele Wörter dabei, die wir kaum noch kennen. Wunderhübsche Billetter….ein vertrackter Tausendsassa, der in die Stube geschmeckt hat,….Kupplerin,…Oheim….; jedenfalls haben wir auch einen Grossteil der Zeit mit Übersetzen verbracht. Aber dann ist es geflutscht, dann ging das Lesen, wir haben uns abgewechselt, und ich wurde richtig schön theatralisch.Weh mir! Holder Gesandter!OOOH, mein Geliebter, das Feuer rast in meiner Brust,…
(Ob ich mir ein Laientheater suche? Ich muss aufpassen, dass ich das nicht zur Gewohnheit werden lasse, so zu sprechen. )

Wir haben allerdings sehr lange gebraucht , um den ersten Akt zu lesen.Und dann kam mir die Idee, er kann sich das doch als Hörbuch anhören. Er ist ein Hörbuchleser. Versunken sitzt er oft da und hört Literatur.So ist es dann geschehen. Er hat gehört und gelesen. Und mir hinterher erzählt, was passiert ist.

Ich hab jedenfalls gestern mein Äckerchen bestellt,meine 9 qm Feld, und da trampelt mir keine Obrigkeit drüber und kein Rasenmäher macht das platt, und ein Eis gabs auch nicht, denn 18 Grad waren hier in Bayern heute nicht.

So. Aber Blümchen hab ich gepflückt. Und nun höre auch ich „Kabale und Liebe“ vom MP3 Player. Arbeite schön! Ich hab frei, juchhe!

Kat.

Rasenmähen

Liebe S.,

wie schön, dass du wieder online bist!
Housesitting- es gibt Leute, die leben so, hab ich mal gehört. Die vagabundieren von schicker Villa zu flottem Loft in gehobener Lage und hüten das Geschirr der Leute oder den Hund.Vielleicht auch bloss die Koikarpfen.  Für mich wäre das allerdings nichts.

Wenn du umziehst, sie dir deine Umgebung genau an! Check out, wie der Nachbar tickt!

Wie sehen die Gärten aus? Wuchert der Löwenzahn und spriessen die Gänseblümchen? Oder ist alles AKKURAT gemäht, kein Hälmchen zu viel, kein Mooskisschen im gepflegten Rasen? In diesem Fall, mach dich darauf gefasst, das das vorherrschende Geräusch im Sommer der Benzinrasenmäher deiner Nachbarn sein wird!
Ich hätte es damals tun sollen, auf die Gärten achten, als ich die Wohnung hier angeguckt habe. Ich tat es nicht, und jetzt muss ich es büssen.

Es ist heute der erste warme schöne Tag dieses Jahr. Punkt 14.25 Uhr begann der erste Rasenmäher zu brummen. Ich dachte, oh weh! Wird er hoffentlich der einzige sein? Dann sass ich mit meinem Morgenkaffee (Nachtdienst, mal wieder , weisst du)auf der Terasse, die Vögel zwitscherten, der Rasenmäher verstummte gegen 14.55, da sagte doch mein Nachbar unmittelbar neben mir auf der Terasse zu seiner Frau: Ach, da könnte ich ja auch mal…. und schwupps, öffnete er seinen Schuppen , holte sein Rasenmäherungetüm raus, ratter ratter ratter, es sprang nicht sofort, er schwitzte sehr, während er an der Benzinschnur zog, aber dann!!! Dann schob er mit Wonne diese Benzinschleuder über seinen noch nicht sehr hoch gewachsenen Rasen. Ich wunder mich, denn eigentlich mäht er sonst immer am Freitag um 18.00 , wenn wir auf der Terasse sitzen und grillen oder Freunde da haben.Nun. Ich hab beschlossen,dagegen an zu lärmen und saugte Staub bei geöffneter Wohnzimmertür. Bei mir auf dem Rasen wächst nämlich nur Moos. Mähen lohnt also nicht.Gegenanstinken kann ich eh nicht, mein Rasenmäher fährt mit  Ökostrom.
Nach 30 Minuten war er dann auch fertig. Ich seufzte und setzte mich wieder in die Sonne. Da! Ein Geräusch! Ratter ratter ratter jaul. Der nächste Nachbar…..
Oh, S., warum tun sie das? Es wächst doch noch gar nichts. Ist das prophylaktisch? Kampfansage gegen Löwenzahn?

Also, Augen auf beim Häuserkauf! Und, ich liebe diesen Spruch: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem lieben Nachbarn nicht gefällt.
Jetzt verschwinde ich von der Terasse, ich weiss nicht wieviel Quadratkilometer Rasenfläche es hier in meinem Kaff gibt, aber mittlerweile mäht der 6 Gärtnersmann . Mähen Frauen auch so exzessiv? Noch ein kleiner Nachsatz: Am schlimmsten finde ich, wenn sie im Sommer mit freiem Oberkörper Rasenmähen.Die Männer. UUUHH! Dann muss mein Blick sich wenden. 20160404_151011

Die Sonne scheint aber immer noch!

Komm gut an wieder zu Hause!
Und sortiere dich! Hahaha! Umärmelung!
Kat.

 

 

Zu Hause sein

Liebe K.,

nach 2 Wochen housesitting bin ich wieder im eigenen zu Hause. Es war fast wie Urlaub, obwohl ich gearbeitet habe. Nur 10 Min von dort zur Arbeit.

Nun muss ich mich ersteinmal wieder sammeln, oder sortieren wie es so schön heisst.

Bist du gut sortiert ? Hä ? bin ich ein Gemischtwarenhandel ? Nein.. 2 Mal nein.. im Angebot ist derzeit nur Verwirrung.. vielleicht ziehen wir um, denn durch Zufall kam heraus, dass dort in der Nachbarschaft etwas frei wird. Eine Wohnung.. ohne Garten.. aber vor dem Haus ist etwas Fläche.. da könnte man einen Sitzplatz gestalten.. und müsste auch ziemlich renovieren. Dafür wird die Miete nicht erhöht und die Materialkosten werden vom Vermieter übernommen.. U F F.

Schön, dass das deine Mutter an ihrem 80gsten gesagt hat. Weil es auch vor allen anderen war. So offiziell… das ist irgendwie gültiger als „nur“ face to face.  Meine Mutter sagt sowas nur, wenn ich nicht dabei bin..seufz..

So, das reicht erstmal für heute..

herzlichst

deine S.

Von Müttern und Vergebung

Liebe S.,

von wegen, ich kann mich austoben, wenn du nicht da bist! Ich bin stumm wie ein Fisch gerade , was den Blog betrifft.Erstens fehlen mir deine Reaktionen und Ideen und zweitens hatte ich auch keine Zeit. Ostern war  und Mutter wurde 80. Stolze, aktive und liebevolle 80.
Ich habe darüber nachgedacht, was sich alles verändert hat im Laufe der Jahre, auch in dem Verhältnis zwischen ihr und mir.
Wenn ich mit anderen in den 1960 Jahren geborenen spreche, war unsere Erziehung geprägt von Kälte, wenig Liebe, Strafe, immer wieder sogar Schlägen. Kann man das vergeben? Mir haben sehr die Bücher von  Sabine Bode  geholfen, zu verstehen, warum alles so war. Meine Mutter ist nicht meine leibliche Mutter, das kommt noch hinzu, umso schwieriger war unser Verhältnis, besonders als ich in der Pubertät war. Ich hab mich aufgelehnt, gab Widerworte(allein dieses Wort!) , war rebellisch. Und sie hat mich abgelehnt. Sie sagte oft, sie habe nur eine Tochter, das war ihre leibliche. Es gab Zeiten da sprach sie nicht mit mir, wenn ich zu Besuch war. Sie kam nicht zu meiner Hochzeit. Heute ist sie erstaunt, wenn ich sage :“ Du warst nicht da“.Dann sagt sie: „Stimmt, warum eigentlich ?“
Vor einigen Jahren wurde mein Vater sehr krank, und da hat sich alles verändert. Sie rief mich oft an, und bat mich zu kommen. „Ich brauche dich“, hat sie gesagt. Ich bin damals alle 6 Wochen von Süden nach Norden gefahren, um da zu sein, um meinen Vater mit ihr zu begleiten.
Wir haben aber niemals über damals gesprochen, niemals über diese Demütigungen, die meine Erinnerung prägen, niemals über diese Ablehnung, die ich als kleines Kind so gespürt habe.
Verzeiht man einfacher, wenn man älter wird?
Und vergisst man, wenn man noch älter wird? Vergisst der Mensch vielleicht einfach auch , um sich selbst zu schützen, weil er sich dafür schämt, für das was er damals getan hat, als er jung und hilflos und überfordert war und nicht wusste, wie man überhaupt Liebe geben kann? Weil diese Generation unserer Eltern es selber nicht gelernt hat? Oder erfahren hat?
An ihrem Geburtstag stand meine Mutter da, klein und zart, aber stolz und aufrecht, und sagte zu den Gästen: „Und das“, sagte sie und deutete auf mich, „das ist meine Älteste Tochter.“

Ich sag dir was: da ging mir das ganz warm im Herzen runter und ich dachte, ja, so ist es .Und es ist gut so.

Immer noch ganz berührt…

Deine K.