Von Müttern und Vergebung

Liebe S.,

von wegen, ich kann mich austoben, wenn du nicht da bist! Ich bin stumm wie ein Fisch gerade , was den Blog betrifft.Erstens fehlen mir deine Reaktionen und Ideen und zweitens hatte ich auch keine Zeit. Ostern war  und Mutter wurde 80. Stolze, aktive und liebevolle 80.
Ich habe darüber nachgedacht, was sich alles verändert hat im Laufe der Jahre, auch in dem Verhältnis zwischen ihr und mir.
Wenn ich mit anderen in den 1960 Jahren geborenen spreche, war unsere Erziehung geprägt von Kälte, wenig Liebe, Strafe, immer wieder sogar Schlägen. Kann man das vergeben? Mir haben sehr die Bücher von  Sabine Bode  geholfen, zu verstehen, warum alles so war. Meine Mutter ist nicht meine leibliche Mutter, das kommt noch hinzu, umso schwieriger war unser Verhältnis, besonders als ich in der Pubertät war. Ich hab mich aufgelehnt, gab Widerworte(allein dieses Wort!) , war rebellisch. Und sie hat mich abgelehnt. Sie sagte oft, sie habe nur eine Tochter, das war ihre leibliche. Es gab Zeiten da sprach sie nicht mit mir, wenn ich zu Besuch war. Sie kam nicht zu meiner Hochzeit. Heute ist sie erstaunt, wenn ich sage :“ Du warst nicht da“.Dann sagt sie: „Stimmt, warum eigentlich ?“
Vor einigen Jahren wurde mein Vater sehr krank, und da hat sich alles verändert. Sie rief mich oft an, und bat mich zu kommen. „Ich brauche dich“, hat sie gesagt. Ich bin damals alle 6 Wochen von Süden nach Norden gefahren, um da zu sein, um meinen Vater mit ihr zu begleiten.
Wir haben aber niemals über damals gesprochen, niemals über diese Demütigungen, die meine Erinnerung prägen, niemals über diese Ablehnung, die ich als kleines Kind so gespürt habe.
Verzeiht man einfacher, wenn man älter wird?
Und vergisst man, wenn man noch älter wird? Vergisst der Mensch vielleicht einfach auch , um sich selbst zu schützen, weil er sich dafür schämt, für das was er damals getan hat, als er jung und hilflos und überfordert war und nicht wusste, wie man überhaupt Liebe geben kann? Weil diese Generation unserer Eltern es selber nicht gelernt hat? Oder erfahren hat?
An ihrem Geburtstag stand meine Mutter da, klein und zart, aber stolz und aufrecht, und sagte zu den Gästen: „Und das“, sagte sie und deutete auf mich, „das ist meine Älteste Tochter.“

Ich sag dir was: da ging mir das ganz warm im Herzen runter und ich dachte, ja, so ist es .Und es ist gut so.

Immer noch ganz berührt…

Deine K.

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6 Kommentare

  1. barbarabosshard · April 3, 2016

    … ebenfalls ganz berührt … und was mir beim lesen alles durch den kopf ging, an erhaltenem und ersehntem – als anfangs 50er geborene.

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  2. Pingback: Re: Black Hole Sucks | Gezeitenwechsel
  3. melablue · Mai 2, 2016

    Ich bin auch 1960 geboren, wurde aber nicht mit Kälte und noch viel weniger mit Schläge erzogen, ganz im Gegenteil. Meine Mutter war damals schon emanzipiert und alleinerziehend, sie hat mich liebevoll erzogen, war offen und hat immer versucht, mir ihre Entscheidungen transparent zu machen.Ich wurde viel in den Arm genommen und sie hat immer versucht, mir Selbstbewußtsein zu vermitteln.

    Solche Aussagen kann man doch nicht an Jahreszahlen festmachen!

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    • kat+susann · Mai 2, 2016

      Natürlich nicht. Aber die Elterngeneration , die in den 30 Jahren aufgewachsen ist, hat auf Grund des Krieges und der Erziehung selber unter einem Erziehungsstil gelitten, der oft nicht viel Wärme hergab. Es gibt darüber diese Bücher von Kerstin Bode, Kriegskinder ,und das was sie in den Büchern beschrieben hat,hat mir das Verhalten meiner Mutter erklärt. Du hattest Glück dass deine Mutter damals schon emanzipiert war. Meine Mutter musste noch meinen Vater fragen,ob sie arbeiten gehen darf, bekam Haushaltsgeld zugeteilt und hatte keinen Einblick in die Finanzen. Das ist heutzutage zum Glück selten. Viele Grüsse Kat.

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    • kat+susann · Mai 2, 2016

      Die, die ich aus diesen Jahrgängen kenne, erzählen mir Ähnliches wie K. es beschreibt.
      Schön, dass du etwas anderes erlebt hast !
      S.

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