Ritual gegen das Entsetzen

Liebe Freundin S.!

Heute ist ein schlimmer Tag, für alle, denen Europa und der Frieden am Herzen liegt.

Ich wurde wach heute Nacht, weil mein Handy blinkte. Mein syrischer Freund, der in Paris lebt, hatte etwas geschrieben. Ich war erschrocken und  hab den Fernseher angemacht und konnte nicht aufhören, das Unfassbare immer wieder anzusehen. Ich erinnere mich nicht, jemals so ein  Gefühl der Ohnmacht  empfunden zu haben, ich war wie gelähmt, überall hat es gekribbelt. Hilflosigkeit, Entsetzen, auch Angst… ich hab Angst um die Menschen, die hierher flFB_IMG_1447528068041üchten um Frieden zu finden. Sie sind vor denen weggelaufen, die das hier tun. Jetzt müssen sie womöglich Angst haben dass sie hier verurteilt werden, weil sie einem anderen Glauben angehören, ich weiss es nicht.

Ich hab mit meinem Freund M. in Paris heute Nacht geschrieben, ich dachte, er hat in Syrien soviel Angst erlebt, wurde im Libanonim Gefängnis  misshandelt , er hatte einen so beschwerlichen Weg, bis er dann endlich vor 2 Jahren in Paris eine Bleibe fand, und nun geschieht hier wieder Terror und Angst. „Its unbelievable, its horrible,“ hat er geschrieben.

Und so verging mein Tag mit Nachrichten und Nachdenken, und sehr viel Traurigkeit im Herzen. Und dann hörte ich , dass sie hier in der Stadt eine Mahnwache machen wollen.
Mein lieber Sohn J. ging mit.Ich glaube sonst hätte ich mich nicht aufgerafft vor lauter Lähmung.

J. packte Kerzen ein, Teelichter und Glasgefässe , und als wir dann am K-Platz ankamen, war niemand da.
Ich wurde unruhig, und dachte, ob ich einfach meine Kerzlein allein anzünden soll? Da kam ein Trupp sehr junger Leute, mit einem Laken auf dem stand: für den Frieden. Ich bin hinter ihnen her und fragte: macht ihr die Mahnwache. Ja, sagten sie. Sie begannen, aus Teelichtern ein Friedenszeichen zu legen, wir bauten gemeinsam, wir zündeten gemeinsam die Lichter an. Leute kamen und blieben stehen. Kurz nur und fragten, welche Bedeutung das habe. Für den Frieden, sagten die jungen Leute.

4 Syrer(ich vermute, dass es junge Syrer waren, sie sprachen arabisch) standen länger in unserer Nähe. Einer traute sich und zündete eine Kerze an. Blieb stehen, schaute auf das Licht, ganz still. Der nächste löste sich aus der Gruppe, entzündete ebenfalls ein Licht.

Ich war berührt. ich dachte, was haben sie durchgemacht, wie geht es ihnen hier? Woran denken sie? Vermissen sie ihre Familie? Schicken sie das Foto ,das sie mit ihrer Handykamera machten,  dorthin, damit die Daheimgebliebenen teilhaben können an dem Leben das sie hier führen?

Wir standen eine Weile, mein Sohn und ich,  und ich dachte an Frieden und Wärme und dass, wenn viele Leute das in den Himmel schicken, diesen Wunsch nach Frieden, das er dann wahr werden könnte. 20151114_185103

Später dachte ich: andere Leute gehen in die Kirche. Ich habe tatsächlich so etwas wie Trost empfunden, mit den jungen Menschen und meinem Sohn an diesem Platz zu stehen und zu schweigen. Brauchen wir manchmal solche Rituale, um mit entsetzlichen Dingen fertig zu werden? Brauchen wir Kerzen, Licht, Wärme, Gemeinschaft? Das kann trösten. Ich vermute,  dass viele Menschen , ob in Paris, München oder Hamburg, ebenso beieinander standen und nicht allein waren. Das ist doch ein tröstlicher Gedanke.

Liebe Grüsse K., sehr nachdenklich heute Abend

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2 Kommentare

  1. Thomas · November 16, 2015

    Mir ging es ähnlich. Letztmalig am 11.9.2001 hing ich so entsetzt gefesselt vor dem TV. Viel heftiger hat mich jedoch die massive Hetze gestern in den Netzwerken überrascht und getroffen. Was da für eine Kälte in vielen Menschen ist, das macht mir Angst und erschüttert mich. Selbst das einfärben des Profilbildes wird einem als Heuchelei vorgeworfen…Manchmal hab ich das Gefühl, dass es kaum noch Menschen gibt, die die Kraft haben dagegen zu halten…um so schöner, wenn ich hier ähnliche Gedanken lesen darf 🙂

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    • katsusann21 · November 16, 2015

      doch es gibt sie. erstaunlicherweise unter vielen jungen Menschen. Das macht mich froh. Es ist nicht einfach sie zu finden,und ich kämpfe auch immer gegen diese in meinen Augen platten Ansichten,aber ich gab bemerkt eenn ich den Mund aufmache,trauen sich andere auch. ich freu mich ,dass du kommentiert hast und unserm Blog folgst. K.

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